Politik : Matthies meint: Leider live (Glosse)

Zu den nützlichsten Eigenschaften eines aufstrebenden Machtmenschen gehört es, die Klappe halten zu können. Sollen sich die anderen um Kopf und Kragen reden - der Profi schweigt und sammelt die Trophäen ein. Eine Lektion, die beispielsweise der aufstrebende CDU-Nachkriegspolitiker Johannes Semler lernen musste: Er wäre womöglich Bundeskanzler geworden, hätte er die amerikanischen Hilfslieferungen nicht als "Chicken Feed", Hühnerfutter, bezeichnet. Von diesen politisch tödlichen Körnern ist es ein kurzer Weg zu den "Peanuts", die die Karriere des Deutschbankiers Hilmar Kopper ruinierten. Ist jetzt George W. Bush an der Reihe? "Schau mal, da ist Adam Clymer, das Riesenarschloch von der New York Times", raunte der Kandidat seinem künftigen Vize Cheney zu, und der bestätigte treuherzig: "Das ist er allerdings." Wir wissen das, weil, wie sonst nur im Kino beim Mordgeständnis, die Mikrofone unerwartet mitliefen. Bushs Reaktion war feinsinnig: Er bedauerte, "dass die Mikrofone eingeschaltet waren". Ein ehrlicher Flegel. Die Wahrheit ist ja, dass viele Politiker über viele Journalisten so denken, es aber im Leben nicht öffentlich formulieren. Al Gore beispielsweise würde vorher das Licht löschen, die Türen verriegeln und seine Frau zu den Eltern schicken - aber allein deswegen ist er noch nicht der bessere Politiker. Was? Wie Journalisten umgekehrt über Politiker denken? Da wollen wir mal lieber das Mikrofon ausschalten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben