Matthies meint : Was CDU und CSU von Harry Potter lernen könnten

Was wird am nächsten Dienstag zum "Unwort des Jahres" erklärt? Na? "Nafri"? Ist irgendwie schon durch. Bernd Matthies hat eine andere Idee. Eine Glosse.

von
Bernd Matthies, Redakteur des Tagesspiegels. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Bernd Matthies, Redakteur des Tagesspiegels.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Dies ist die Zeit zwischen den Worten. Jugendwort und Wort des Jahres sind pflichtgemäß ermittelt, und nun blicken die Wortwarte auf den kommenden Dienstag, wenn sich ihnen das Unwort des Jahres 2016 offenbart, garantiert irgendwas mit Flüchtlingen – ob’s für die „Nafris“ noch reicht? 2016 aber ist vorbei, und längst sprudeln neue Schöpfungen auf die Szene, kapern den politischen Diskurs. Selten ist ein so plastischer Begriff dabei wie der „atmende Deckel“, der seit Donnerstag heiß diskutiert wird.

Mal ganz neutral gesagt: Das ist ein hübsches Bild. Man sieht ein seltsames Ding vor sich, eine Art Frosch vielleicht, der oben auf einem Drucktopf sitzt und schnaufend Dampf ausstößt und wieder inhaliert. Der Topf ist zu, aber auch wieder nicht, er stellt also eine Art Kompromiss dar, wie ihn die Politik täglich benötigt. Und deshalb stammt das Bild auch aus der CSU, wo sie versucht haben, Seehofers Flüchtlings-Obergrenze mit Merkels keiner Obergrenze, zwei also komplett unvereinbare Haltungen, zu einer gemeinsamen zu vermählen; die Obergrenze soll Jahr für Jahr angepasst werden, je nach Weltlage. Der „atmende Deckel“ hört sich übrigens am schönsten an, wenn er vom CSU-Innenpolitiker Stephan Mayer mit bayerischem Zungenschlag vorgetragen wird.

Druck auf dem Kessel

Aber ach: Aus den Schwesterparteien heißt es von ganz oben, das Ding sei eine „Totgeburt“. Ein totgeborener Deckel ist in der Tat kein schöner Anblick, zumal er dann auch jede Möglichkeit zum Atmen einbüßt. Und außerdem ergibt eine einfache Internet-Recherche, dass es sich hier keinesfalls um einen Geistesblitz aus der Mitte der Schwesterparteien handelt, sondern um eine Altlast aus der Energiepolitik, die ja ähnlich verkorkst ist.

Dort allerdings schnauft der Deckel schon seit Jahren: Er regelt einen flexiblen Automatismus, der die Einspeisevergütung... ach, das können Sie selbst nachschlagen, die Wind-Lobby war darüber sehr erbost. Generell gilt also: Wird irgendwo ein atmender Deckel eingeführt, bedeutet das, dass mächtiger Druck auf dem Kessel lastet. Er erinnert übrigens nicht von ungefähr an Harry Potters sprechenden Hut, der die Zauberlehrlinge ihren Quartieren zuteilt. Eventuell wäre der sogar das bessere Instrument für die Flüchtlingspolitik.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben