Mauerfall : Die vorauseilende Verkündung

Am 9. November 1989 mobilisierte eine von den Medien verbreitete Fiktion die Massen und wurde dadurch zur Realität – zum Mauerfall.

Hans-Hermann Hertle

Bescherte ein historischer Irrtum den Deutschen den Fall der Mauer und in dessen Konsequenz die deutsche Einheit? Wurde der berühmte „Zettel“ Günter Schabowski erst während seiner Pressekonferenz zugeschoben? Steckten der KGB oder andere Geheimdienste dahinter? War die Pressekonferenz inszeniert?

Politische Jahrhundertereignisse sind seit jeher ein bevorzugtes Objekt der Mythenbildung. Und so verwundert es wenig, dass auch in diesem Jahr zahlreiche Legenden um den Fall der Mauer gewoben werden. Doch die Akten sind offen, viele Beteiligte befragt und die Hintergründe der Entscheidungen und Ereignisse bis ins Detail ausgeleuchtet.

Der Fall der Mauer war weder von der SED-Führung beabsichtigt noch wurde er von Günter Schabowski bekannt gegeben: Daran kann kein Zweifel bestehen. Politik, Militär und Geheimdienste in Ost und West konnten dementsprechend keine Vorinformationen besitzen; sie alle wurden davon völlig überrascht.

Der Sturm auf die Grenzübergänge setzte nicht – wie häufig fälschlich angenommen wird – als unmittelbare Reaktion auf die Bekanntgabe einer neuen Reiseregelung durch SED-Politbüromitglied Schabowski um 18.57 Uhr auf einer live im DDR-Fernsehen übertragenen Pressekonferenz ein, sondern erst massiv – mit deutlichem zeitlichen Abstand – als Folge der sich anschließenden Berichterstattung vor allem der West-Medien.

Nicht beabsichtigt war mit der von Schabowski verkündeten Reiseverordnung, die Mauer einzureißen. Beabsichtigt war vielmehr, beginnend mit dem 10. November 1989, ständige Ausreisen, wie sie bereits seit dem 10./11. September 1989 über die ungarisch-österreichische und seit dem 4. November 1989 über die tschechoslowakisch-westdeutsche Grenze möglich waren, nun auch über die deutsch-deutsche Grenze zu genehmigen, aber erst nach einem entsprechenden Antrag. Besuchsreisen sollten – ebenfalls auf Antrag – bis zu dreißig Tagen pro Jahr genehmigt werden, jedoch an die Erteilung eines Visums und den Besitz eines Reisepasses gekoppelt werden.

Einen Reisepass aber besaßen nur etwa vier Millionen Bürger; alle anderen, so das Kalkül, mussten zunächst einen Pass beantragen und sich dann noch einmal mindestens vier Wochen gedulden. Dadurch sollte einerseits die Reisebewegung zeitlich gestreckt und andererseits der zu erwartende Ansturm auf die Dienststellen der Volkspolizei – und nicht auf die Grenze – gelenkt werden. Auf diese Effekte waren Formulierung wie Terminierung der öffentlichen Bekanntgabe des Beschlusses abgestellt, die am Morgen des 10. November über die DDR-Medien erfolgen sollte. Über Nacht sollten die zuständigen Dienststellen des MfS und der Volkspolizei sowie die Grenztruppen mit der neuen Regelung vertraut gemacht werden.

Mit dieser Reiseverordnung wollte die SED-Führung Druck ablassen: Hunderttausende Menschen forderten auf Demonstrationen überall in der DDR freie Wahlen, die Zulassung von Oppositionsgruppen und immer wieder und vor allem: Reisefreiheit. Und die CSSR-Regierung verlangte von SED-Chef Krenz ultimativ, die Völkerwanderung von DDR-Bürgern durch ihr Land zu stoppen und ihre Ausreise in die Bundesrepublik direkt über die deutsch-deutsche Grenze abzuwickeln.

Schabowskis vorzeitige und konfuse Bekanntgabe, deren Interpretation durch die West-Medien und der dadurch einsetzende Mobilisierungsprozess machten all diese Absichten der SED-Führung zunichte. Zu einem spontanen, sofortigen Ansturm auf die Berliner Grenzübergänge führten Schabowskis Mitteilungen indes nicht. Vielmehr interpretierten die West-Medien, zunächst die Presse-Agenturen, und auf deren Meldungen beruhend Hörfunk und Fernsehen, den bürokratischen Verordnungstext als bedingungslose und sofortige Grenzöffnung. So meldete AP bereits um 19.05 Uhr: „DDR öffnet Grenze“. Kurz vor Beginn der ARD-„Tagesschau“, um 19.41 Uhr, übertrumpfte dpa die AP-Meldung, stellte die Ankündigung Schabowskis als bereits vollzogene Tatsache dar, und verkündete „Sensationelles“: „Die DDR- Grenze zur Bundesrepublik und nach West-Berlin ist offen.“ Die „Tagesschau“ um 20 Uhr platzierte die Reiseregelung als Top-Meldung. „DDR öffnet Grenze“, lautete die eingeblendete Schrift, zu der Nachrichtensprecher Joe Brauner die Kernsätze des Verordnungstextes verlas.

Dennoch: Um 20.15 Uhr, 75 Minuten nach der Pressekonferenz Schabowskis und unmittelbar nach dem Ende der „Tagesschau“, hatten sich gerade einmal achtzig Ost-Berliner an den Grenzübergängen Sonnenallee (acht bis zehn), Invalidenstraße (20) und Bornholmer Straße (50) zur „Ausreise“ eingefunden, wie der Lagebericht der Ostberliner Volkspolizei festhielt. Ohne jegliche Information und ohne Befehle ihrer militärischen Führung – die Fernsehberichterstattung hatte den Dienstweg überholt – sahen sich die Grenzposten auf Ost-Berliner Seite zunächst vor allem in der Bornholmer Straße einer zwar wachsenden, aber immer noch überschaubaren Menschenansammlung gegenüber, die zwischen 21 und 21.30 Uhr auf 500 bis 1000 Personen geschätzt wurde. Ganz wenige wollten ausreisen, fast alle die vermeintliche Reisefreiheit testen. Gegen 21.30 Uhr kam es in der Bornholmer Straße zur sogenannten Ventillösung: Um den Druck abzubauen, wurde die Ausreiseabfertigung aufgenommen. Die Personalausweise der DDR-Bürger wurden mit einem Passkontrollstempel neben dem Lichtbild ungültig gestempelt; ohne es zu wissen, waren die ersten Ost-Berliner, die jubelnd über die Bornholmer Brücke nach West-Berlin liefen, ausgebürgert worden.

Mit einem Ansturm auf alle Berliner Grenzübergänge rechnete man im Ministerium für Staatssicherheit, das für diese Entscheidung zuständig war, offenbar nicht: Außer in der Bornholmer Straße und am Übergang Heinrich-Heine- Straße, an dem laut Volkspolizei-Bericht gegen 21.30 Uhr 120 Personen auf der Ostseite zusammengekommen waren, waren um diese Zeit „an den übrigen GÜST (Grenzübergangsstellen) nur vereinzelt Personen festzustellen“. Stasi-Generalmajor Heinz Fiedler beruhigte sich und seine Genossen an den Übergängen mit den Worten: „Wie ich meine Berliner kenne, gehen die um 23 Uhr ins Bett.“ Doch von dieser Gewohnheit sollten an diesem Abend zu viele Ost-Berliner Abstand nehmen.

Höhepunkt der Fernseh-Berichterstattung waren die ARD-„Tagesthemen“, die an diesem Abend leicht verspätet um 22.42 Uhr begannen. Ein Einspielfilm zeigte die nahezu menschenleere Westseite des Brandenburger Tores. Chefmoderator Hanns Joachim Friedrichs verkündete dazu: „Das Brandenburger Tor heute Abend. Als Symbol für die Teilung Berlins hat es ausgedient. Ebenso die Mauer, die seit 28 Jahren Ost und West trennt. Die DDR hat dem Druck der Bevölkerung nachgegeben. Der Reiseverkehr in Richtung Westen ist frei.“

Dann kam Friedrichs ins Bild und sagte: „Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab. Aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Doch Friedrichs Ansage eilte den Ereignissen voraus: Entgegen der von ihm behaupteten Tatsache zeigte ein gegen 22 Uhr fertiggestellter Einspielfilm der Berliner Redaktion, dass zumindest an den gefilmten Grenzübergängen in der Heinrich-Heine-Straße und am Checkpoint Charlie absolute Ruhe herrschte.

Dann wurde nach Berlin geschaltet. „Tagesthemen“-Reporter Robin Lautenbach meldete sich live vom Grenzübergang Invalidenstraße, dessen Tor ebenfalls unübersehbar geschlossen war. Doch drei West-Berliner Augenzeugen, die zuvor am Grenzübergang Bornholmer Straße gewesen waren und die Lautenbach dann interviewte, halfen ihm und Friedrichs aus der Patsche.

In Unkenntnis der Ausbürgerungsabsichten der DDR-Seite berichtete ein Augenzeuge: „Ich habe erlebt, dass um 21.25 Uhr das erste Pärchen tränenaufgelöst auf uns zugelaufen kam und die Berliner weiße Linie erreicht hat. Sie sind mir beide um den Hals gefallen und wir haben alle gemeinsam geweint.“ Robin Lautenbach deklarierte umgehend den geschlossenen Übergang Invalidenstraße zum Ausnahmefall: „Hier in der Invalidenstraße auf der anderen Seite haben die Grenzpolizisten offenbar diese Weisung noch nicht bekommen oder sie haben sie nicht verstanden. ... Aber wie gesagt, an sehr vielen anderen Grenzübergängen, nicht nur in der Bornholmer Straße – wir haben es auch gehört von der Sonnenallee und vom Ausländergrenzübergang Checkpoint Charlie – ist es offenbar bereits möglich, mit dieser neuen Regelung völlig komplikationslos nach West-Berlin zu kommen.“

„Reiseverkehr frei“? „Tore in der Mauer weit offen“? „"Völlig komplikationslos nach West-Berlin“? Nach diesen Berichten gab es für Tausende, ja Zehntausende Ost- und West-Berliner sowie Bewohner des Umlandes kein Halten mehr. Erst jetzt begann jener Ansturm auf die Grenzübergänge, der Passkontrolleure und Grenzsoldaten zwang, das Stempeln einzustellen, die Durchlässe freizugeben und den Rückzug anzutreten. Später in der Nacht wurde die Mauer am Brandenburger Tor zunächst vom Westen aus bestiegen und besetzt, dann das Wahrzeichen der geteilten Stadt und der Pariser Platz von Ost und West erobert – das symbolträchtigste Ereignis der Nacht, das aus der Öffnung der Grenzübergänge den Fall der Mauer werden ließ.

Jene Fernsehzuschauer und Rundfunkhörer, die den historischen Moment nicht verpassen und eigentlich nur mal „gucken“ und dabei sein wollten und deshalb an die Grenzübergänge und das Brandenburger Tor eilten, führten im Grunde das Ereignis erst herbei, das sonst gar nicht stattgefunden hätte. Eine von den Medien verbreitete Fiktion mobilisierte die Massen und wurde dadurch zur Realität.

Der Fall der Berliner Mauer ist das erste welthistorische Ereignis, das als Folge der vorauseilenden Verkündung durch Presse-Agenturen, Fernsehen und Hörfunk eintrat.

Hans-Hermann Hertle ist Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Autor des Standardwerks „Chronik des Mauerfalls“ (Ch. Links Verlag, Berlin), das gerade in der 11. Auflage erschienen ist.

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