Mauerfall : Polen: Und immer wieder Danzig

Polen reklamiert für sich das Urheberrecht für den Mauerfall. Zum Zeitpunkt der Friedlichen Revolution konnte das Land bereits auf mehrere Monate einer demokratischen Regierung zurückblicken. Die Rechte spricht lieber über den Krieg und schürt antideutsche und antirussische Ressentiments.

Sebastian Bickerich[Warschau]

„Alle reden immer nur über Autos“, sagt Donald Tusk und schüttelt den Kopf. Die Opelkrise lässt Polens Ministerpräsidenten ziemlich kalt – das Opel-Werk in Gleiwitz wie das Fiat-Werk in Posen sind voll ausgelastet und von etwaigen Schließungsplänen nicht betroffen. Wichtiger ist ihm etwas anderes: „1989 habe ich mich gefragt, ob ich für meine Frau und meine beiden Kinder überhaupt jemals ein Auto werde kaufen können.“ Ähnlich formuliert das auch Radoslaw Sikorski, Polens Außenminister. „Im Juni 1989 war ich als Journalist für britische Zeitungen in Rumänien und erlebte die letzten Atemzüge des Regimes von Ceausescu. Heute können wir auf dessen Grab spazieren gehen“. Auch Andrzej Wajda, Polens internationaler Star-Regisseur, hat so seine Erinnerungen – an ein Ereignis acht Jahre zuvor. „Da lernte ich diesen jungen Streikführer Lech Walesa kennen, ich war zu Besuch auf der Danziger Werft. Ich hatte schon viel gehört von der Gewerkschaft Solidarnosc – und wie jeder in Warschau Angst vor den Russen. Also fragte ich Walesa, ob auch er sich vor den Sowjet-Panzern fürchte. Er sagte: ,Mach Dir keine Sorgen. Alles wird gut’.“

Vieles ist tatsächlich seitdem in Europa gut geworden, und Polen tut dieser Tage eine Menge, um seine Rolle als Impulsgeber für den Mauerfall zu unterstreichen. „Es begann in Danzig“ – Plakate und Logos mit dieser Losung überziehen das ganze Land. In der kommenden Woche soll das 20-jährige Jubiläum der ersten freien Wahlen am 4. Juni 1989 in Polen groß gefeiert werden – mit Veranstaltungen und einem EU-Minigipfel, der unpassenderweise nicht in Danzig stattfindet, das von streikenden Werftarbeitern blockiert wird, sondern in Krakau. Trotz dieses Regiefehlers betont Ministerpräsident Donald Tusk immer wieder den Stolz auf das Erreichte und die Tatsache, dass zum Zeitpunkt des Mauerfalls Polen bereits auf mehrere Monate einer demokratischen Regierung zurückblicken konnte.

Zwei weitere Männer der polnischen Politik fallen dagegen eher durch Irrlichtern auf. Während Friedensnobelpreisträger und Ex-Präsident Lech Walesa durch Europa tourt, um auf Veranstaltungen der europafeindlichen irischen Truppe „Libertas“ aufzutreten – Tusk betont, Walesa wolle dort lediglich „für Europa werben“ – schweigt Präsident Lech Kaczynski von der nationalkonservativen PiS und nimmt auch nicht an den Feierlichkeiten am 4. Juni teil. Beobachter vermuten, Kaczynski wolle sich lieber auf den 1. September konzentrieren, der ein weiterer Höhepunkt des Jubiläumsjahres sein soll: An diesem Tag gedenkt die Regierung des Kriegsbeginns 1939 und hofft auf die Teilnahme von Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin. Zu diesem Anlass werde Kaczyniski, so fürchten Regierungskreise, wohl wieder alles tun, um in die Vergangenheit zu blicken und antideutsche und antirussische Emotionen zu schüren – ganz wie sein Bruder Jaroslaw Kaczynski, Ex-Ministerpräsident und PiS-Parteichef, dieser Tage im Europawahlkampf. Kaczynski nutzte eine Steilvorlage der deutschen Unionsparteien im Europawahlkampf – in einem Aufruf ist davon die Rede, das Recht der Vertriebenen auf Rückkehr in ihre Heimat zu achten – für wüste Beschimpfungen gegen Deutschland und die liberalkonservative Regierung Tusk. Die gerät dadurch wieder einmal in die Defensive und muss sich für Deutschland rechtfertigen. „Unnötig und provokativ“ nennt Außenminister Sikorski den CDU-CSU-Wahlaufruf, der auch bei Diplomaten im Berliner Auswärtigen Amt auf Unverständnis stößt.

Andrzej Wajda lässt sich auch von derartigen Irrlichtereien nicht von seinem Optimismus abbringen. Das sei doch alles „lächerlich“, sagt der Filmregisseur – und nennt das Ganze „Spielchen“ einiger Politiker.

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