Mauerfall : Schüler diskutieren mit DDR-Oppositionellen

Der Minister für den Aufbau Ost kam persönlich: Beim Treffen von Schülern mit DDR-Zeitzeugen im Deutschen Historischen Museum in Berlin-Mitte wollte Wolfgang Tiefensee nicht fehlen. Die Schüler hingegen vermissten viel mehr normale Bürger von damals.

Sven Bischoff

BerlinBerlin - „Wir wussten nicht so recht, was uns hier erwartet, aber es war schon schön“, sagt Birgitta (20). Zeitzeugen zu erleben, „ist ja immer interessant“, wirft Janine (19) ein. Die beiden Schülerinnen des Albrecht-Dürer-Gymnasiums in Neukölln stehen vor dem Deutschen Historischen Museum in Mitte, wo gerade ein Runder Tisch stattfindet. Und was für einer: mit 60 Metern im Umfang und 19 Metern im Durchmesser ist er größer als der Anstoßkreis eines Fußballfeldes. Bundesminister Wolfgang Tiefensee und Rainer Eppelmann von der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur begrüßen die Teilnehmer: 150 Schüler aus Berlin und Potsdam haben auf den rot bezogenen Stühlen Platz genommen. Gut verteilt zwischen ihnen sitzen 13 Bürgerrechtler. Es gibt Saft und Brötchen. Ziel der Runde mit dem Titel „DDR-Bürgerrechtler machen Schule“ ist es, das Wissen der Schüler über die deutsch- deutsche Geschichte zu stärken und ihr Interesse zu wecken. „Schließlich belegen Umfragen immer wieder, dass gerade bei Jugendlichen große Lücken im Wissen über die Geschichte der DDR und die Zeit der friedlichen Revolution bestehen“, sagt Tiefensee. Dabei meint er wohl auch die – umstrittene – Studie „Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern“ von Klaus Schroeder. Diese hatte ergeben, dass das Thema DDR im Unterricht nur unzureichend behandelt und die repressive Seite des Staates nicht ausreichend in den Vordergrund gestellt werde, was zu einer Verharmlosung führe.

Dem sollte die Veranstaltung am Donnerstag entgegenwirken. Zu den Bürgerrechtlern am Tisch gehören Oppositionelle, Journalisten und Musiker. Jeder dieser Menschen hat seine Geschichte zu erzählen, und so nahm die Vorstellung der Zeitzeugen fast zwei Stunden in Anspruch, aufgelockert durch musikalische Darbietungen des in der DDR mit Auftrittsverbot belegten Rockers Rex Joswig. Trotzdem strapaziert die lange Dauer die Geduld der Schüler, denn Fragen wurden mit Verweis auf die anschließende Diskussion nur vereinzelt beantwortet. „Nach zwei Stunden lässt die Konzentration schon nach“, sagt Birgitta.

Ein anderes Problem haben die Potsdamer Schüler. Sie bemängeln, dass man auf solchen Veranstaltungen „immer nur das Gleiche“ höre, und wenn man dann zu Hause frage, sei doch alles anders. Sie interessiert es mehr, was normale Bürger von damals zu sagen haben. „Immer nur Aktivisten und Journalisten, aber nie wird mal eine richtige Mutti eingeladen“, sagt Marie-Luise (18). Sie ist enttäuscht. „Das Beste waren die Brötchen.“ Sven Bischoff

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