Politik : Mauerspechte

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Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Es geht also doch, werden sie sich in Pjöngjang gedacht haben. Da saß eine Gruppe von Parlamentariern des Bundestages in Nordkoreas Hauptstadt - und kam nicht drumrum, mit Ginseng-Schnaps auf den 1994 verstorbenen Staatsgründer Kim Il Sung anzustoßen. Der erste Toast in dem Land gehört immer dem „ewigen Führer“. Da machte selbst Delegationsleiter Hartmut Koschyk, ein Politiker der CSU, gute Miene zum bösen Spiel. Und immerhin, ganz ohne gute Botschaften für die Heimat müssen die Bundestagsabgeordneten nicht nach Berlin heimkehren: Aufmerksam registrierten sie, wie das gastgebende Mitglied der nordkoreanischen Volksversammlung, Ri Jong Honk, das Glas auch zu Ehren von Bundespräsident Johannes Rau erhob.

Dabei war die Reisediplomatie der deutschen Abgeordneten zunächst weitaus revolutionärer angelegt. Schon im Herbst vergangenen Jahres wollte die Politikergruppe auf die koreanische Halbinsel reisen - und Geschichte schreiben. Ohne Wenn und Aber verlangten die Politiker, nach ihrem Besuch in Südkorea gleich direkt nach Nordkorea reisen zu dürfen. Der Plan hatte einen Haken: Seit der Teilung des Landes ist Ausländern der Grenzübertritt am Übergang Panmunjom strikt untersagt. Ohnehin ist die streng bewachte Land-Grenze in den vergangenen Jahrzehnten nur in wenigen Ausnahmefällen von Einheimischen passiert worden, etwa bei einem Gefangenenaustausch. Die Koschyk-Truppe aber blieb zunächst stur - und zog den Kürzeren. Die Reise wurde erstmal abgesagt.

Beim zweiten Anlauf tat die Delegation des Bundestages kleinlaut das, was andere Delegationen zuvor getan hatten: Sie reiste über Peking nach Nordkorea ein. Den Koreanern zeigen, dass sie Mauern einreißen können, wollen die Deutschen aber doch - und boten nun an, auf deutschem Boden Kontakte zwischen süd- und nordkoreanischen Parlamentariern zu organisieren. Wenn der „Grad der innerkoreanischen Annäherung“ dies zulässt, so Kolschyk, werden die Abgeordneten vielleicht auf dem Berliner Mauerstreifen anstoßen. Nochmal auf Johannes Rau und Kim Il Sung? Matthias Meisner

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