Politik : Maul- und Klauenseuche: Alarm auf immer mehr britischen Höfen

Trotz der zunehmend offenen Kritik bei den Bauern hält die britische Regierung an ihrem umstrittenen Plan fest, zur Eindämmung der Maul- und Klauenseuche bis zu einer halben Million gesunder Schafe zu schlachten. Der Chefveterinär des Landwirtschaftsministeriums, Jim Scudamore, wurde am Montag auf einer Bauernversammlung in Carlisle mit langsamem Protestklatschen empfangen. Er war dorthin entsandt worden, nachdem Bauern am Wochenende aktiven Widerstand gegen das Schlachtprogramm angekündigt hatten.

"Alle Tiere im drei-Kilometer Umkreis betroffener Bauernhöfe müssen getötet werden" sagte Scudamore nach dem Treffen. Die Maßnahme betrifft vor allem den Lake District und Südschottland, wo insgesamt ein Drittel der inzwischen über 330 Seuchenfälle identifiziert wurden. Doch Bauern halten das Programm für Augenwischerei, da noch nicht einmal alle infizierten Tiere getötet worden seien. Auf vielen Höfen liegen die Kadaver bis zu einer Woche, weil man mit dem Verbrennen nicht nachkommt. Der Personaldruck auf das Ministerium ist so groß, dass nun Hunderte von Veterinärsstudenten zur Mitarbeit herangezogen werden.

Der Konsens über die Seuchenbekämpfung scheint immer weiter zu zerbrechen. Zwar stehen die Bauernverbände hinter dem Massenschlachtprogramm des Ministeriums. Doch in Schottland und England ziehen Landwirte vor Gericht. Die Aktionsgruppe "Farmers for Action", die der Labour Regierung im Sommer durch ihre Benzinproteste Angst einjagte, will den Schlachtern des Ministeriums den Zutritt zu ihren Höfen notfalls mit Gewalt verwehren. Ein älterer Bauer sagte in Carlisle, man solle der Seuche ihren Lauf lassen. "Wir hätten eine Weile weniger Milch und Fleisch, aber das wäre nichts im Vergleich zu dem, was die Schlachtungen kosten." Auch die Soil Association, der Interessenverband organischer Landwirte, hält das Schlachtprogramm für gescheitert und fordert die Impfung der Tiere. "Dies würde die schreckliche Situation der Bauern deutlich lindern und wäre billiger", sagte Patrick Holden, der Direktor des Verbandes.

Die Regierung hat ihre konsequente Haltung durch Ausnahmeregelungen für besondere Zuchtrassen und Rinder selbst verwässert. Auch eine Aufforderung an die Stadtbewohner, doch weiterhin Urlaub auf dem Lande zu machen, damit die Tourismusindustrie nicht so leide, hat die Bauern verbittert. "Das ist alles die reine Hysterie. Tony Blair will eine Parlamentswahl und die Leute sollen sehen, dass er handelt," sagte eine schottische Bäuerin der BBC. Ob es bei dieser Wahl bleiben kann, wird angesichts der Krise immer fraglicher.

Das Zentrum für Wirtschaftsforschung prognostizierte indessen einen wirtschaftlichen Schaden von rund neun Milliarden Pfund (28,2 Milliarden Mark). Die britische Tourismusbranche rechnet wegen der Seuche mit Verlusten von rund 250 Millionen Pfund (rund 780 Millionen Mark) wöchentlich. Parks, Wanderwege und andere Touristenattraktionen wurden gesperrt, um eine weitere Ausbreitung der Seuche zu verhindern.

Auch Portugal und Spanien haben Maßnahmen ergriffen, um eine weitere Verbreitung der Maul- und Klauenseuche zu verhindern. Sie schränkten u.a. die Tiertransporte zwischen den beiden Ländern stark ein. In Frankreich hingegen scheint die Maul- und Klauenseuche unter Kontrolle. Es handele sich um einen Einzelfall, sagte Agrarminister Jean Glavany am Montag in Paris. Er kündigte zudem eine Soforthilfe von umgerechnet rund neun Millionen Mark für die Bauern des betroffenen Départements Mayenne an.

0 Kommentare

Neuester Kommentar