Politik : Maul- und Klauenseuche: Blair schließt Impfungen nicht mehr aus

Matthias Thibaut

Angesichts der apokalyptischen Szenen von einem nicht mehr benutzten Flugplatz in Nordwestengland wächst in Großbritannien die Kritik an dem Massenschlachtprogramm der Regierung. Während Lastwagen und Planierraupen auf dem Flugfeld von Great Orton dabei sind, jeden Tag über 10 000 Schafsleichen in ein großes Loch zu schieben, ließ Premierminister Tony Blair durchblicken, dass er die bisher ablehnende Haltung zu Impfungen gegen die Maul- und Klauenseuche überdenkt. "Wenn man sieht, wie die Krankheit sich ausbreitet, muss man noch einmal über das nachdenken, was bis vor kurzem noch völlig unakzeptabel war", sagte Blair am Tag 36 der Seuche im Bauernprogramm der BBC.

Zu den lautstärksten Kritikern der Regierung gehört der Verlagsbegründer und Ökobauer Peter Kindersley. Er will die Regierung wegen ihrer Politik des "Isolierens und Schlachtens" verklagen. "Notschlachtungen sind ein unglaublich primitiver Weg, mit der Krankheit fertig zu werden. Mit Impfungen könnten wir uns diese ganzen Horrorszenen sparen", sagte Kinderley. Der Multimillionär hat einen wissenschaftlichen Bericht finanziert, der die Argumente zusammenfasst. Immer mehr Fachleute, auch der Verband der britischen Ökobauern, bezweifelt inzwischen, dass die Verbreitung der Seuche durch die logistisch immens schwierige und ethisch bedenkliche Massenschlachtung überhaupt noch verhindert werden kann.

Zum Thema Chronologie: Der jüngste Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Europa Das Landwirtschaftsministerium stellte ein Impfprogramm bis vor kurzem noch als Kapitulation vor der Seuche dar, gleichbedeutend mit dem Verlust sämtlicher Exportmärkte für Fleisch. Der Agrarökonom Peter Midmore von der Universität Aberystwyth rechnet in dem Bericht jedoch vor, dass sogar im Erfolgsfall die Kosten des Schlachtprogramms die wirtschaftlichen Vorteile bei weitem übersteigen.

Rechnet man die Entschädigungszahlungen, die Einnahmeausfälle der Tourismusindustrie und die langfristigen Folgen zusammen, die sich aus dem endgültigen Ruin vieler Bauern und den Konsequenzen für die Landschaftspflege ergeben, kostet der Seuchenausbruch nach dem Bericht des Center for Economics and Business Research (CEBR) rund 9 Milliarden Pfund. Midmore gibt als Kosten für den Verlust von Exportmärkten nur einen Wert von 310 Millionen Pfund für das Jahr 2000 an. Betroffen wären als nennenswerte Exportprodukte nur Schafsfleisch und Molkereiprodukte. Im Übrigen finde der Großteil der Agrarexporte innerhalb der EU statt. Verluste aus Exporten nach GATT-Regeln seien geringfügig. In der britischen Debatte wird nun auch auf einen EU-Forschungsbericht verwiesen, der vor zwei Jahren bereits Impfungen bei schwer wiegenden MKS-Ausbrüchen empfehle und überdies klarstellt, dass Labortests sehr wohl zwischen kranken und geimpften Tieren unterscheiden können.

Auch denken Bauern und Landschaftshüter längst nicht mehr nur an Exportmärkte. Im nordenglischen Lake District werden blindlings gesunde Schafe vernichtet, die in der offenen Landschaft mit wirtschaftlich vertretbarem Aufwand nie mehr angesiedelt werden können. "Die Landschaft von Wordsworth steht auf dem Spiel", kommentierte der Leiter des Naturparks Lake District, Paul Tiplady.

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