Politik : Maul- und Klauenseuche: Das nächste große Schlachten

Matthias Thibaut

Geht das Schlachten wieder los? Die britische Regierung bereitet offenbar neue Notmaßnahmen zur Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche vor - drei Monate, nachdem Premier Blair erklärte, man sei im Kampf gegen die Tierseuche "in der Zielgeraden". Stattdessen dürfte die Zahl der Erkrankungen in den nächsten Wochen die Marke des Jahres 2000 überschreiten. Über 3,6 Millionen Tiere wurden bisher gekeult. Ein Ende ist nicht abzusehen - erst recht nicht, wenn sich die Befürchtung bestätigt, dass auch Schafe an BSE erkranken können.

Der Ehrgeiz, durch das rigorose Schlachtprogramm den zunehmend fiktiven Status einer MKS-freien Viehzucht aufrecht zu erhalten, wird immer weniger bezahlbar. Allein zwei Milliarden Pfund wird der britische Steuerzahler bis Jahresende für Kompensationszahlungen an Bauern hinlegen. Hätte man rechtzeitig geimpft, so der Agrarökonom Peter Midmore von der Universität Wales, wären die Kosten um zwei Drittel niedriger. Kein Wunder, dass die Labour-Regierung unter wachsenden politischen Druck kommt und sich immer lauteren Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung der Seuche und ihrer Handhabung gegenübersieht. Der frühere Premier John Major, selbst politisches Opfer der BSE-Seuche, warf Blair vor, die Öffentlichkeit zu täuschen.

Angesichts neuer Seuchenherde in Wales und Yorkshire sollen im britischen Landwirtschaftsministerium - seit neuestem als "Department for Rural Affairs" oder "Defra" bekannt - nun doch die im Frühjahr verworfenen Pläne für Ringimpfungen aus der Schublade geholt worden sein. Man arbeitet offenbar auch an Plänen für neue Kadaververbrennungen und Massengräber. Solche Maßnahmen wären notwendig, sollte die Seuche von Nord Yorkshire, wo sie sich seit Monaten hartnäckig hält, auf die 1,5 Millionen Tiere in den Schweinemasten von Ost Yorkshire übergreifen. Vorerst wurde eine 2330 Quadratkilometer große "Biosicherheitszone" erklärt, in der die Polizei überwacht, dass Fahrzeuge desinfiziert werden.

In Wales haben Tests gezeigt, dass Schafe auf Hochweiden die Krankheit hatten. Diese Trägertiere mit erhöhten MKS-Antikörpern gelte es zu identifizieren, und zwar so schnell wie möglich, warnten Experten. Notschlachtungen von Tausenden Schafen haben in den Brecon Beacons begonnen - für die "Times" ein Symbol, dass die MKS-Politik der Regierung gescheitert ist. "Dabei dachten wir vor einem Monat, alles wäre vorbei", heißt es von der regionalen Bauerngewerkschaft.

Unterdessen werden im "Defra", das bisher als verlässlicher Partner der Bauernlobby galt, härtere Töne angeschlagen. Allzu großzügige Kompensationszahlungen werden gekürzt, auch, weil sie offenbar falsche Anreize bieten. Das Ministerium untersucht Berichte, wonach infizierte Schafe für bis zu 2000 Pfund gehandelt wurden. In Zukunft, so Lord Whitty, Staatsminister für Nahrung und Landwirtschaft, müssten Schafzüchter "weniger, qualitätsvolleres Fleisch für weniger Subventionen" produzieren. Premier Blair leistete Schützenhilfe und ließ bei seiner Südamerikareise keine Gelegenheit aus, die grundlegende Reform des EU-Agrarmarkts zu fordern.

Doch noch Schlimmeres könnte auf die britischen Schafzüchter zukommen - und nicht nur auf sie. Die britische Lebensbehörde (Foods Standards Agency) teilte vergangene Woche mit, erste Ergebnisse von BSE-Experimenten mit Schafen Anfang der neunziger Jahre seien "kompatibel mit einer Präsenz der Krankheit in Schafen zu jener Zeit." Sollte sich herausstellen, dass auch Schafe BSE haben können und dies von der in Großbritannien seit 1730 bekannten Traberkrankheit (Scrapie) nur kaschiert wurde, "wären die gegenwärtigen BSE Kontrollen nicht adäquat".

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