Max Mosley einigt sich mit Google : Der Sinn der Orgie

Tatsächlich war es nur eine Sexparty - ohne Nazi. Max Mosley hat gezeigt, dass die Google-Medienwelt keine Windmühle ist und sich ein Kampf doch lohnen kann. Ein Kommentar

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Max Mosley
Max MosleyFoto: AFP

Wenn es sich um Wahrheit und Gerechtigkeit handelt, gibt es nicht die Unterscheidung zwischen kleinen und großen Problemen. Der Albert-Einstein-Satz, der auch die Fassade des Bundesjustizministeriums schmückt, hat sich im Fall des britischen Motorsportmanagers Max Mosley eindrucksvoll bestätigt. Ein kleines Problem, das ein großes für Mosley war, war und blieb ein Problem für alle, weil es eines von Wahrheit und Gerechtigkeit ist.

Er legte sich mit der halben europäischen Medienwelt an

Mosley wurde Opfer eines klassischen Versagens, das in der Justiz ebenso vorkommt wie in der gesamten Gesellschaft: der Neigung, aus dem Vorliegen bestimmter Indizien einen Schluss zu ziehen, ohne andere Möglichkeiten der Erklärung geprüft zu haben. Bei ihm war es eine heimlich gefilmte Begegnung mit Prostituierten, die sich in Häftlingskleidung für ihn verfügbar hielten, während er selbst in Uniform teils auf Deutsch Kommandos rief. Per Internet verbreitet, hatte die Formel-1-Welt einen Skandal, denn der Sohn eines britischen Faschisten, aufgewachsen in Hitlerverehrung und mit Deutschunterricht, feierte angeblich eine Nazi-Sexparty im KZ-Ambiente. Was sonst?

Tatsächlich war es eine Sexparty, nur ohne Nazi. Die Uniform war eine zeitgenössische der deutschen Luftwaffe, die vermeintlichen KZ-Insassinnen trugen breit und quer gestreift statt längs und schmal. Möglich, aber für Deutsche undenkbar, dass sich dort Humor in Sexualität niederschlug. Jeder hätte sich verkrochen, Mosley tat es nicht. Der Bloßgestellte beharrte auf Berichtigung, er legte sich mit der halben europäischen Medienwelt an, von Google bis „Bild“.

Die Gerechtigkeit verlangt, über solche – privaten – Eskapaden zu schweigen, die Wahrheit fordert, dass, wenn man doch berichtet, richtig berichtet. Aus dem Täter, der in Wirklichkeit ein Opfer war, wurde ein Ankläger. Mosley erzwang Korrekturen und Interviews, in denen er sich erklärte. Nun, kurz vor dem nächsten Gerichtstermin, wird die Einigung mit Google gemeldet. Mosley ist zufrieden, heißt es.

In diesen Tagen ist es ein Jahr her, dass der Europäische Gerichtshof dem Einzelnen ein „Recht auf Vergessen“ eingeräumt hat. Zensur, stöhnte der Internetriese, der seitdem Links aus Personensuchen löschen muss, die der Gesuchte gelöscht haben will. Die Pressefreiheit hat nicht gelitten. Eine Zensur findet auch nicht statt.

Mosley hat gezeigt, dass die Google-Medienwelt keine Windmühle ist und sich ein Kampf lohnen kann. Die Lüge hat keinen Anspruch darauf, dort fortzubestehen, nur weil das System als automatisiert und allgewaltig erscheint. Es fehlte das menschliche Maß, und Mosley machte das Defizit sichtbar. Er hat ein Recht darauf, dass seine krude Orgie vergessen wird. Aber man könnte ihm dafür auch ein Denkmal setzen.

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