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May-Debakel bei Unterhauswahl : Großbritannien bekommt "Hung Parliament"

Überraschung bei der vorgezogenen Neuwahl in Großbritannien: Die Konservativen verpassen die absolute Mehrheit, Labour legt zu. Ein Erfolg für Jeremy Corbyn, ein Debakel für Theresa May.

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Labour-Chef Jeremy Corbyn bei der Bekanntgabe des Ergebnisses in seinem Wahlkreis Islington.
Labour-Chef Jeremy Corbyn bei der Bekanntgabe des Ergebnisses in seinem Wahlkreis Islington.Foto: imago/PA Images

Die britischen Konservativen mit Premierministerin Theresa May an der Spitze haben bei der vorgezogenen Unterhauswahl am Donnerstag ihre Mehrheit im Parlament verloren. Am frühen Freitagmorgen sahen die Prognosen die Tories zwischen 315 und 321 Sitzen. Die oppositionelle Labour Party mit ihrem Parteichef Jeremy Corbyn dürfte etwa 262 Mandate erringen, 29 mehr als bisher.

Die Schottische Nationalpartei kommt nach jüngsten Vorhersagen der BBC auf 35 Sitze, deutlich weniger als bisher. Die pro-europäischen Liberaldemokraten können etwas besser abschneiden als 2015 - sie kommen auf 13 Sitze. Damit ist die Mehrheit im Unterhaus unklar, Großbritannien bekommt ein "Hung Parliament". "Keine Koalition, keine Deals", verlautete noch in der Nacht seitens der Liberaldemokraten.

Die Mehrheit liegt bei 325 von 650 Sitzen, da der Parlamentspräsident im Unterhaus sich neutral verhält. Nicht ausgeschlossen ist, dass es bald zu Neuwahlen kommt, weil keine Seite eine regierungsfähige Mehrheit zusammenbekommt. Auch ein Rücktritt von May am Freitag ist nicht auszuschließen. "Das ist genug, um zu gehen", sagte Labour-Chef Corbyn in der Nacht in Richtung der Regierungschefin. Und auch in der konservativen Partei gibt es erste Absetzbewegungen von May.

Das Ergebnis ist eine Überraschung – nahezu alle Umfragen hatten zuletzt die Konservativen deutlich vorne gesehen. Offenbar ist es der Labour Party gelungen, in den Metropolregionen alle Sitze zu verteidigen und den Angriff der Tories auf Labour-Wahlkreise, in denen es beim EU-Referendum vor einem Jahr Mehrheiten für den Brexit gegeben hat, abzuwehren.

Ein Grund für die Zugewinne von Labour: Die rechtspopulistische Ukip-Partei, die jahrelang am radikalsten gegen die EU-Mitgliedschaft auftrat, hat seit dem Brexit-Votum beim Referendum 2016 an Anziehungskraft verloren. Möglicherweise  kehrten viele ihrer Wähler jetzt zu Labour zurück. Beide großen Parteien streben den EU-Austritt an. Ukip hat nach den Prognosen keine Sitze gewonnen.

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Im britischen Mehrheitswahlsystem kommt es vor allem darauf an, Wahlkreise zu gewinnen. Daher gab es kurz nach Schließung der Wahllokale auch keine Prozentergebnisse. Der BBC-Projektion zufolge läuft alles auf die beiden großen Parteien zu. Demnach könnten die Konservativen am Ende landesweit auf 43 Prozent der Stimmen kommen, immerhin ein Plus von sechs Prozentpunkten. Labour könnte aber sogar einen Zuwachs von zehn Prozentpunkten auf 40 Prozent erringen. Labour hat offenbar vor allem in den Metropolregionen punkten können und dort auch jüngere Wähler mobilisieren können. Die Liberaldemokraten dürften in etwa gleich bleiben. Die europafeindliche Ukip hingegen, Sieger des Brexit-Votums, wird um etwa elf Prozentpunkte abstürzen.

In Schottland gewannen Labour, Konservative und Liberaldemokraten zu Lasten der Schottischen Nationalpartei von Nicola Sturgeon Sitze. Die SNP hatte 2015 mit 50 Prozent der Stimmen (4,9 Prozent landesweit) 56 der 59 schottischen Sitze eingeheimst.

May hatte Wahl anberaumt, um ihre Position mit Blick auf die Brexit-Verhandlungen zu stärken.  Das Pfund fiel kurz nach Bekanntgabe der Prognose gegenüber dem Dollar deutlich.

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