Politik : Mazedonien: Der Krieg kommt immer näher

Stephan Israel

Die Bevölkerung von Kumanovo hat den Krieg nun vor der Haustür. Ein Teil der Bewohner steigt auf die umliegenden Hügel, um einen besseren Ausblick auf die Kampfhandlungen zu haben. Der andere Teil hält sich in den Häusern verbarrikadiert und lässt sich nicht einmal auf der Strasse blicken. In der Stadt, in der neben rund 40 Prozent Albanern auch Serben und slawische Mazedonier leben, sind die Sympathien haarscharf geteilt. Ein Mazedonier, der auf der Autobahnbrücke mit einem Fernrohr Stellung bezogen hat, findet, dass es in den Albaner-Dörfern "noch viel zuwenig brennt". Die wenigen Albaner, die sich im einzigen noch offenen Cafe treffen, machen umgekehrt aus ihren Sympathien für die UCK-Rebellen kein Geheimnis.

Am Sonntagmittag haben die mazedonischen Regierungstruppen den Beschuss der Rebellenstellungen in der Ebene vor der Stadt wieder aufgenommen. Die Regierung in Skopje erwägt angesichts der anhaltenden Kämpfe außerdem die Ausrufung des Kriegszustandes. Es ist bereits der vierte aufeinanderfolgende Tag, dass über den Dörfern ausserhalb von Kumanovo dicke Rauchwolken aufsteigen. Und unter den 90 000 Einwohnern von Kumanovo wächst die Überzeugung, dass der Krieg auch bald auf die Stadt übergreifen wird.

Jeder rüstet sich auf seine Art. Der Tankwart am Rande der Stadt zeigt auf die Ausbuchtung unter seiner Jacke. Der slawische Mazedonier trägt die Pistole jetzt immer mit sich. "Die Frage ist nur noch, ob der Krieg einen Monat, sechs Monate oder ein Jahr dauern wird", gibt sich auch einer der Männer im albanischen Cafe "Milano" fatalistisch. Die große Mehrheit der Albanern bleibt in den Häusern, weil man sich ähnlich wie in Bitola vor einer Woche vor Racheakten der slawischen Mitbürger fürchtet. In der Stadt Bitola hatte ein Mob nach dem Tod von vier mazedonischen Soldaten mehr als 50 albanische Läden geplündert oder in Brand gesetzt. In Kumanovo bleiben die Läden der Albaner vorsorglich geschlossen, während die Mazedonier demonstrativ offen haben. "Wer nichts verbrochen hat, muss doch keine Angst haben", zeigt ein mazedonischer Ladenbesitzer vor seinem Schuhgeschäft Unverständnis. Wer am Wochenende als Ortsfremder durch Kumanovo spaziert, trifft auf viele misstrauische Augen. Sichtlich nervöse Regierungssoldaten haben an allen Einfahrtsstrassen und in der Stadt Kontrollpunkte eingerichtet.

Auch in Skopje, nur rund 30 Kilometer entfernt, herrscht am Wochenende eine unheimliche Ruhe. In der Hauptstadt jagen sich die Gerüchte, und der Propagandakrieg ist dem richtigen Krieg wie immer schon einen Schritt voraus. Die Zeitungen sind voll von Spekulationen über paramilitärische Gruppierungen, welche die Verteidigung des mazedonischen Staates in die eigenen Hände nehmen wollen. Nur wenige wollen den milden Frühlingsabend am Boulevard oder auf dem Hauptplatz geniessen. "Was auf dem Territorium Mazedoniens geschieht, ist Krieg." Mit diesem Satz macht Premierminister Ljubco Georgievski am Samstagabend nach einer Krisensitzung der Staatsführung allen Illusionen ein Ende. Er habe deshalb vor, Anfang dieser Woche vor dem Parlament die Ausrufung des Kriegszustandes zu beantragen, gibt der Regierungschef bekannt. Die EU hat vor diesem Schritt ausdrücklich gewarnt.

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