Politik : Mazedonien: Integrationsprozess in Gefahr

Stephan Israel

Der Spuk an Mazedoniens Grenze zum Kosovo schien zum Wochenbeginn vorbei zu sein. Die Behörden in Skopje zeigten sich nach dem ersten Schrecken, als albanische Rebellen der "Nationalen Befreiungsarmee" (UCK) in den vorigen drei Wochen wiederholt Angriffe gegen mazedonische Sicherheitskräfte führten, erstmals wieder zuversichtlich. Die mazedonische UCK-Hochburg Tanusevci, nur etwa 20 Kilometer von der Hauptstadt Skopje entfernt, wurde am Montag von der Armee erobert und nach offiziellen Angaben "von Terroristen gesäubert". Doch schon am Dienstag folgten neue Kämpfe mit den Freischärlern in Tanusevci sowie in den Ortschaften Malinovo, Malo und Brest.

Die erst mysteriöse Gruppe bewaffneter albanischer Extremisten, die sich später als Mitglieder der (im Kosovo offiziell aufgelösten) UCK zu erkennen gaben, hat sich den "Kampf gegen die Diskriminierung der Albaner im politischen Alltag sowie die Umwandlung Mazedoniens in einen Staat zweier gleichberechtigter Völker" auf die Fahnen geschrieben. Die Rebellengruppe scheint zudem am Wochenende in einer neuen Partei einen politischen Arm bekommen zu haben: Eine "Demokratische Nationale Partei" unter dem Albaner-Führer Kastriot Hadireda trat bei ihrer Gründungsversammlung im westmazedonischen Tetovo mit ähnlichen Forderungen nach einer Föderalisierung an.

Seit Mazedoniens Unabhängigkeit vor zehn Jahren war die albanische Minderheit stets in der Regierung vertreten. Gegen die schnell wachsende albanische Volksgruppe, heute immerhin ein Drittel der Bevölkerung, kann keine Partei der slawischen Mazedonier regieren. Die einst radikalere Demokratische Partei (DPA) von Arben Xhaferi löste die heute oppositionelle Partei der Demokratischen Prosperität 1998 als Juniorpartnerin im Kabinett ab. Die Zusammenarbeit im politischen Alltag erweckte den Eindruck einer erfolgreichen Integration von Mazedoniens Albanern in den jungen Staat. Die politische Kooperation steht jedoch in starkem Widerspruch zur Realität im täglichen Leben. Slawische und albanische Mazedonier leben mehr schlecht als recht nebeneinander, wobei sich letztere noch immer als "Bürger zweiter Klasse" empfinden. In der Verwaltung, in der Polizei oder der Armee sind die Albaner nach wie vor massiv untervertreten. Zwischen Angehörigen der beiden Volksgruppen gibt es nur wenige Berührungspunkte. Die albanischen Mazedonier leben konzentriert im Westen des Landes an der Grenze zu Albanien. Die UCK versucht nun, die wachsende Unzufriedenheit der albanischen Bevölkerung für ihre Zwecke auszunutzen. Die gewünschte Unterstützung hat sie aber (noch) nicht erreicht. Am Dienstag folgten in Skopje Tausende Albaner dem Aufruf der Demokratischen Partei (DPA) und demonstrierten für den Freiden. UCK-Anhänger wurden dabei von Ordnungskräften abgedrängt.

Die bisher größte Belastungsprobe musste Mazedonien 1999 aushalten, als rund 300 000 flüchtende Kosovo-Albaner die Bevölkerung vorübergehend um mehr als zehn Prozent anschwellen ließen. Die ohnehin riesigen wirtschaftlichen Probleme werden jetzt durch den neuen bewaffneten Konflikt noch verschärft.

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