Politik : Mazedonien will keinen Grund für Angriff bieten

CHRISTOPH VON MARSCHALL

BERLIN .Für die Regierung der direkt an das Kosovo grenzenden Republik Mazedonien wird es immer schwieriger, der Bevölkerung die Unterstützung der NATO-Intervention zu vermitteln."Es würde vollends zwiespältige Gefühle auslösen, wenn die Allianz verlangt, daß Mazedonien sich als Aufmarschgebiet für einen Kampfeinsatz von Bodentruppen zur Verfügung stellt", sagte Mazedoniens Botschafter Srgjan Kerim beim Besuch in der Redaktion des Tagesspiegels.Während der Kriege in Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina habe die Präsenz von NATO-Soldaten sein Land gerettet."Das wissen die Bürger auch.Ebenso ist klar, daß Serbien unser Land längst in den Krieg um Kosovo gezogen hätte, wie es das mit Albanien getan hat.Ein Vorwand findet sich immer, etwa daß die Untergrundarmee UCK von Mazedonien aus operiert."

Seit die Luftangriffe aber dazu geführt hätten, daß Serbien Hunderttausende Flüchtlinge aus dem Kosovo in die Nachbarländer vertreibt, lebe die Bevölkerung "in großer Furcht, daß der Krieg nach Mazedonien überspringt", sagte Kerim.Der Botschafter verteidigte die Entscheidung seiner Regierung, die mehrfach die Grenze geschlossen und Flüchtlingen die Einreise verweigert hatte."Auch UCK-Kämpfer versuchen sich einzuschmuggeln.Wir dürfen Serbien keinen Vorwand für einen Angriff liefern." Mazedonien habe bereits 140 000 Flüchtlinge aufgenommen, weitere 50 000 näherten sich der Grenze."Wenn wir die auch noch hereinlassen, dann wäre das in der Summe so, als würde Deutschland acht Millionen aufnehmen, zehn Prozent der Bevölkerung." Er forderte, daß "möglichst viele Flüchtlinge in möglichst mächtige Länder" gebracht werden sollten."Das ist die einzige Chance, daß der politische Druck auf Belgrad ausreicht, daß sie eines Tages wieder in das Kosovo zurückkehren." Völlig unklar sei zudem, was geschehen solle, wenn die in Zelten hausenden Flüchtlinge in Mazedonien nicht bis zum Winter heimkehren können."In den Bedingungen würden sie Nächte mit minus 20 Grad nicht überleben."

Der Krieg habe verheerende Folgen für die Wirtschaft.Über 200 Betriebe hätten die Produktion eingestellt, weil Rohstoffe und Energie aus Serbien, Mazedoniens zweitgrößten Handelspartner nach Deutschland, ausblieben, beklagte Kerim."Mehr als 10 000 Arbeiter mußten in Zwangsurlaub geschickt werden." Besonders bitter sei, daß deutsche Firmen ihre Aufträge an mazedonische Unternehmen kündigten - aus Furcht, der Krieg könne die pünktliche Lieferung behindern."Da hoffen wir auf Unterstützung der Bundesregierung." Zudem erwarte Mazedonien, daß die EU bald das versprochene Assoziierungsabkommen unterzeichne - auch in Anerkennung der solidarischen Haltung Mazedoniens im Kosovo-Konflikt.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar