Politik : Mazedonien: Zwischen Wollen und Müssen

Stephan Israel

Die neue Kompromissbereitschaft der slawisch dominierten Regierung gegenüber der albanischen Minderheit hat an den Fronten in Mazedonien bisher zu keiner Beruhigung geführt. Im Westen bei Tetovo und im Norden des Landes haben die Gefechte zwischen albanischen Rebellen und den Regierungstruppen auch am Freitag angehalten. Hinter den Kulissen gehen die Gespräche über eine Rettungsaktion für rund zehntausend albanische Zivilisten aus den belagerten Dörfern weiter - bisher erfolglos. Die Rebellen der so genannten Nationalen Befreiungsarmee (UCK) haben den Vorschlag der Regierung in Skopje zurückgewiesen, die Zivilisten in ein Fußballstadion bei Kumanovo zu bringen. Menschenrechtsorganisationen berichten über Misshandlungen von Albanern, die den Regierungstruppen oder der Polizei in die Hände gefallen sind. Männer würden unter Folter dazu gezwungen, sich als Kämpfer der UCK zu bekennen.

Die Bereitschaft der slawisch dominierten Regierung, auch über eine Verfassungsänderung und eine Anerkennung des Albanischen als zweite Staatssprache zu diskutieren, hatte diese Woche Hoffnung auf einen friedlichen Ausweg aus der Krise geweckt. Regierungschef Ljubco Georgievski hat das Signal jedoch inzwischen wieder relativiert. Der Premierminister machte klar, dass der Schritt nicht aus Überzeugung, sondern ausschließlich auf internationalen Druck erfolgt sei: "Es ist eine Tatsache, dass wir gegenüber der internationalen Gemeinschaft verpflichtet sind, ein für die Albaner akzeptables Mazedonien zu schaffen", formulierte Georgievski salopp. Die Regierung habe den Auftrag, an einer so genannten Friedensagenda zu arbeiten, die praktisch einer Kapitulation Mazedoniens am Verhandlungstisch gleichkomme. Der Aufstand der militanten Albaner werde dadurch in drei Jahren in noch massiverer Form wieder aufflammen. Georgievski bekräftigte deshalb seine Überzeugung, "dass Mazedonien die albanischen Terroristen zerstören" müsse.

Ein Vorstoß aus den Reihen der mazedonischen Akademie der Wissenschaften (Manu) hat die allgemeine Konfusion noch verstärkt. Mitglieder der Akademie schlagen einen Austausch von Territorium und Bevölkerung zwischen Mazedonien und Albanien vor, um ethnisch "reine" Staaten zu schaffen. Mazedonien würde demnach die fast ausschließlich albanisch besiedelten Landesteile im Westen an den Nachbarn abtreten. Im Gegenzug müsste Albanien Territorium am Ohridsee, wo eine slawische Minderheit lebt, Mazedonien überlassen. Wer sich bei dem Tausch von Territorium auf der falschen Seite wiederfände, müsste nach den Plänen der Wissenschaftler innerhalb von drei Monaten umziehen. Georgi Efremov, Präsident der Akademie, verteidigt den angeblich nur inoffiziellen Vorstoß: "Wie kann diese Idee anachronistisch sein, wenn wir es mit einem permanenten Streit in der Familie zu tun haben"?

Im Gegensatz zu Serbien, wo in den achtziger Jahren Mitglieder der Belgrader Akademie mit ähnlichen Vorschlägen das Terrain für den Krieg vorbereitet hatten, schwankt in Skopje die offizielle Reaktion zwischen Kopfschütteln und Empörung. Staatspräsident Boris Trajkovski bekräftigte das Bekenntnis zum multiethnischen Staat: Der einzige Lösung bestehe darin, einen Weg des Zusammenlebens und der Gleichberechtigung aller mazedonischen Bürger zu finden.

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