Mecklenburg-Vorpommern : Großgrundbesitz und eine Geige

In Mecklenburg-Vorpommern ist die Regelung von Vermögensfragen weitgehend abgeschlossen.150.000 Anträge wurden bearbeitet.

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In keinem anderen neuen Bundesland ist, so rühmt sich Finanzministerin Heike Polzin (SPD), der nach der Wiedervereinigung aufgekommene Streit ums Eigentum so weitgehend beigelegt wie in Mecklenburg-Vorpommern. Darum schloss sie am Montag feierlich die Türen des Landesamts zur Regelung offener Vermögensfragen (LARoV). 20 Jahre lang hat es klären müssen, welcher durch Revolution, Krieg, Enteignung und politische Ideologie bedingte Eigentümerwechsel der vergangenen 90 Jahre unrecht war oder unabänderlich ist. Rund 150 000 Anträge auf Rückübertragung, Entschädigung oder Ausgleichszahlung hat das Amt seit 1991 bearbeitet und zu 99 Prozent erledigt. Ihr Wert in Euro ist nicht erfasst worden. „Man wird nie ausschließen, dass Einzelfälle weiter als Unrecht empfunden werden“, sagt Polzin, „aber im Großen und Ganzen ist der Rechtsfrieden nun gesichert. Die Bevölkerung hat sich mit der jetzigen Situation ausgesöhnt.“

Zuerst waren es die Nazis, die Juden und politische Gegner um ihren Besitz brachten. In der sowjetischen Besatzungszone verloren durch die Bodenreform Großgrundbesitzer, Bauern, wirkliche und mutmaßliche Kriegsverbrecher und Nazi-Kollaborateure ihre Ländereien und Betriebe. In Mecklenburg-Vorpommern waren davon 3300 Güter und Betriebe mit einer Fläche betroffen, die zwei Dritteln der heutigen Agrarfläche entsprechen. Die DDR siedelte zwangsweise bei den Aktionen „Ungeziefer“ und „Kornblume“ politisch unliebsame Bürger aus den Grenzgebieten ins Binnenland um. Die „Aktion Rose“ traf 1953 Hoteliers und Gastronomen. „Republikflüchtlinge“ mussten in der Regel ihr Eigentum zurücklassen, Mietshausbesitzer wurden durch verordnete Niedrigmieten zum Verkauf gedrängt. Und viele Bauern, die aus der Bodenreform ein paar Hektar Land zugewiesen bekamen, hatten dies 1990 de facto längst an Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) verloren.

Zeitweise hatten das Landesamt und seine Behörden vor Ort bis zu 500 Mitarbeiter, denen waschkörbeweise Anträge auf den Schreibtisch gebracht wurden. Ohne historisches Vorbild mussten sie die oft komplizierten Eigentumsverhältnisse auseinanderdividieren. Grundbücher wurden in der DDR in der Regel nicht mehr aktualisiert, nicht jeder staatliche Akt dokumentiert. Mit dem wohl größten Argwohn betrachteten die Einheimischen die Alteigentümer von Bodenreformland. Manche Adelige boten genug Anlass dafür, obwohl sie grundsätzlich kein Recht auf Rückgabe haben. In keinem anderen Verfahren wurde um mehr Grundeigentum gestritten als im Fall Putbus. Franz von Putbus klagte ein Sechstel der Fläche Rügens ein, weil sein Vater Malte bereits von den Nazis enteignet worden sei. Er blieb jedoch Beweise schuldig.

Verärgert waren auch jene, die von der Bodenreform profitiert hatten. Die Neubauern hatten ihr Land als „persönliches Arbeitseigentum“ erhalten. Wenn ihre Erben 1990 nicht mehr in der Landwirtschaft tätig waren, hatten sie kein Recht mehr auf das Land – was viele nicht verstehen konnten.

Selbst eine Geige beschäftigte das LARoV. In den 80er Jahren wollte eine Lübeckerin von einem Besuch bei ihrem Bruder in Rostock eine Geige mit nach Hause nehmen, was sie an der Grenze auch mitteilte. Das Instrument wurde als Kulturgut beschlagnahmt. Nach der Wende machte der Bruder geltend, es habe sich um eine Stradivari von 1732 gehandelt. Das Landesamt recherchierte, befragte Gutachter und zahlte eine Entschädigung von 5000 Euro.

So weit wie in Mecklenburg-Vorpommern ist die Regelung der Vermögensfragen in Brandenburg noch nicht: Das dortige Landesamt wird nach eigenen Angaben noch bis Ende 2015 arbeiten.

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