Mecklenburg-Vorpommern : Lotse von Bord

Ministerpräsident Harald Ringstorff hat fast zehn Jahre regiert. Am 3. Oktober hört er auf. Auf den neuen Landeschef wartet bereits die erste große Aufgabe.

Matthias Schlegel
Harald Ringstorff
SPD-Parteichef Kurt Beck (r.) und Harald Ringstorff am Steuerrad des Segelschiffes "Gorch Fock". -Foto: dpa

BerlinSeit langem wurde darüber spekuliert, wann er von Bord geht. Doch Harald Ringstorff selbst und die Schweriner Staatskanzlei hatten versucht, die ins Kraut schießenden Gerüchte immer wieder zu besänftigen, zumal nach dem Rückzug des viele Jahre als Kronprinz geltenden früheren SPD-Landesvorsitzenden und derzeitigen Landwirtschaftsministers Till Backhaus aus dem Parteiamt die Nachfolgefrage wieder völlig offen schien. Als im April 2007 Erwin Sellering, ein Jurist aus Westfalen, der schon 1994 nach Mecklenburg-Vorpommern wechselte und derzeit Sozialminister ist, den SPD-Landesvorsitz übernahm, kristallisierte sich heraus, dass er eines Tages Ringstorff beerben könnte.

Dass der 68-jährige Harald Ringstorff nach dem Wechsel 2006 von einer rot-roten zu einer rot-schwarzen Landesregierung überhaupt noch einmal das höchste Regierungsamt übernehmen würde, war durchaus nicht sicher – sehr tief waren die Gräben zwischen der SPD und der CDU in der Zeit der ersten Koalition zwischen SPD und PDS in einem Bundesland geworden. Doch der Diplomchemiker, der zu DDR-Zeiten im Kombinat Schiffbau arbeitet und 1989 in Rostock die SPD mitgründete, nahm sich selbst noch einmal in die Pflicht. Die Koalition mit der CDU funktionierte über weite Strecken geräuschloser, als man sich das je hätte vorstellen können. Das hatte wohl auch mit dem kompromissbereiten Politikstil des stellvertretenden Ministerpräsidenten und Wirtschaftsministers Jürgen Seidel ( CDU) zu tun, der – anders als der frühere Regierungschef Berndt Seite – den persönlichen Draht zu Ringstorff nie ganz durchgeschnitten hatte.

Obwohl Mecklenburg-Vorpommern wechselweise mit Sachsen-Anhalt die rote Laterne bei der Arbeitslosigkeit in Deutschland trug, war der 1998 ins Ministerpräsidentenamt gekommene Ringstorff nicht ohne Erfolg. Das Land entwickelte sich dank seiner wundervollen Landschaften zu einem bedeutsamen Tourismusmagneten in Deutschland, zu einem bedeutenden Standort der Medizinbranche und zu einem beachtlichen Lieferanten von maritimer Technik. Immer wieder hatte der SPD-Mann darauf hingewiesen, dass im Nordosten seit Jahren die bundesweit höchsten Zuwachsraten im verarbeitenden Gewerbe zu verzeichnen sind. Als eines der ersten ostdeutschen Länder hat Mecklenburg-Vorpommern einen schuldenfreien Haushalt vorgelegt und ist derzeit dabei, aufgelaufene Schuldenlasten abzubauen.

Er wolle den Staffelstab am 3. Oktober in jüngere Hände geben, begründete Ringstorff am Mittwoch seinen Schritt. Die Ämter hätten seine ganze Kraft gefordert, „und das merke ich zunehmend“, teilte er mit. Weil mit ihm auch die langjährige Finanzministerin Sigrid Keler und Bauminister Otto Ebnet (beide von der SPD) die Regierung verlassen, wird der Nachfolger Ringstorffs eine größere Kabinettsumbildung vornehmen müssen.

Sollte es der 58-jährige Sellering werden, wird ein Mann Regierungschef werden, dem ruhige, klare Amtsführung und gelassenes Moderieren in Problemsituationen nachgesagt werden. Politisch blieb er bislang eher unauffällig. Er wird künftig vor allem bemüht sein müssen, den Rückhalt in der eigenen Partei zu stärken, gilt der in Greifswald wohnende Vater von zwei Töchtern als nicht so stark in der Partei vernetzt. Ringstorff, der in jüngster Zeit ein wenig amtsmüde wirkte, wird künftig noch mehr Zeit für seine Hobbys haben, die er auch während seiner politisch aktiven Zeit nie vernachlässigte: Im nahegelegenen See am Rande Schwerins schwimmen gehen, Pilze sammeln und kräftig Plattdeutsch snaken. Politisch wird man ihn als denjenigen in Erinnerung behalten, der die PDS in Deutschland durch das Einbeziehen in die Landesregierung hoffähig gemacht hat – gegen alle Widerstände.

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