Medien in China : Wenn der Bildschirm schwarz wird

Fehlinformationen, Halbwahrheiten, Propaganda: Nur wenige Chinesen interessieren sich für Tibet – ein Ergebnis der Zensur.

Harald Maass[Peking]

Aus dem Internetcafé beim Pekinger Trommelturm dringen die üblichen Kampfgeräusche. Junge Männer und Frauen sitzen in tiefen, roten Sesseln vor den Bildschirmen, schießen Monster ab und flirten virtuell mit anderen Internetnutzern. Wer hier Chinesen nach ihrer Meinung zu den Unruhen in Tibet befragt, bekommt als Antwort meist nur ein verlegenes Lächeln. „Die Sache in Lhasa? Das ist doch schon längst vorbei“, sagt ein junger Mann unter seiner Basketballmütze. Ein Mädchen in Schuluniform erklärt, dass der Dalai Lama hinter den Protesten stehe. „Der will unser Land spalten.“

Pekings Regierende werden sich über solche Antworten freuen. Seit dem Beginn der Unruhen in Tibet Mitte März versuchen sie mit einer Mischung aus Propaganda, Zensur und Nationalismus die Stimmung im Volk zu kontrollieren. Es ist vermutlich die größte Propagandaaktion seit der Verfolgung der Falun-Gong-Bewegung im Jahr 2000, eine bis ins Detail ausgefeilte Kampagne aus Fehlinformationen, Halbwahrheiten und nationalistischer Propaganda. Die Unruhegebiete sind seit Wochen von Polizei und Militär für unabhängige Reporter abgeriegelt. Tausende Internetseiten wurden gesperrt. Wenn Nachrichtensender wie CNN und BBC über die Tibetkrise berichten, schalten die Zensoren den Bildschirm schwarz.

Alles was Chinesen erfahren, ist die holzschnittartige staatliche Propaganda. Da ist der Dalai Lama ein bösartiger „Separatist“, der das „chinesische Vaterland“ spalten will und dazu „schamlos“ das tibetische Volk manipuliert und die Olympischen Spiele ausnutzt. Dass der Nobelpreisträger die Spiele in Peking unterstützt und sich klar vom Separatismus distanziert, wird von den Staatsmedien verschwiegen.

Die Taktik hat erschreckenden Erfolg. Selbst gebildete und kritische Chinesen, die normalerweise den Manipulationen der Staatsmedien misstrauen, nehmen das harte militärische Vorgehen der Regierung in Schutz. „Was soll die Polizei denn machen, wenn die Tibeter in Lhasa randalieren und die Geschäfte anzünden?“, sagt ein befreundeter chinesischer Journalist. Über die Hintergründe des Konflikts, über die Unzufriedenheit der Tibeter, die Unterdrückung ihrer Religion und Kultur, weiß er nichts. „Wir investieren doch in Tibet und haben die Eisenbahn gebaut. Den Tibetern geht es doch gut“, sagt er.

Viele Chinesen begreifen die gewaltsamen Unruhen und Massenunruhen in Tibet nicht als politische Krise. Die Protestierenden in Lhasa seien doch nur eine Handvoll „liumeng“ gewesen – übersetzt heißt das „Chaoten“, wiederholt ein Pekinger Bankmanager die Berichte der Staatsmedien. Dass in mehreren Provinzen das Militär gegen das Volk aufmarschiert ist und riesige Gebiete von Soldaten kontrolliert werden, weiß er nicht.

Von den Staatsmedien verbreitet wird dagegen Kritik an den westlichen Medien. Wenige Tage nach den Unruhen in Tibet tauchten in China plötzlich Webseiten wie www.anti-cnn.com und www.ourvoice.de auf, die ausländischen Medien Fehler in der Berichterstattung nachweisen sollten. Die Vorwürfe, hinter denen offenbar die Pekinger Propaganda steht, drehen sich vor allem vertauschte und falsch ausgezeichnete Bilder. Die Ablenkungsmanöver der Regierung scheinen zu funktionieren. Über die einseitige Berichterstattung der chinesischen Medien und die massive staatliche Propaganda, die an die dunkelste Zeit der Kulturrevolution erinnert, wird nicht diskutiert. Niemand schickt Protestbriefe an die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Tibet – das ist für viele Chinesen nur noch eine Frage der nationalen Ehre.

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