Medien in der arabischen Welt : "Der Tod ist allgegenwärtig"

Pünktlich zum 5. Jahrestag des Irakkrieges meldete sich Osama bin Laden wieder zu Wort. Der Sender Al Jazeera strahlte seine Videobotschaft aus, was ihm der Westen negativ ankreidete. Der Leiter des Berliner Büros Aktham Suliman erklärt im Interview mit zoomer.de, welchen Einfluss der Sender auf die Liberalisierung in der arabischen Welt hat und äußert sich zu Propaganda-Vorwürfen und Unterschieden zwischen westlichen und arabischen Medien.

Al Jazeera
Das Logo von Al Jazeera.

Welchen Einfluss hat Al-Jazeera auf die arabische Welt? Kann man von einer Liberalisierung der Öffentlichkeit durch Al-Jazeera sprechen?



Als Al Jazeera 1996 das erste Mal auf Sendung gegangen ist, war dieser Sender natürlich etwas Neues, das auch liberalisierende Effekte ausgelöst hatte. Man konnte zum ersten Mal etwa die syrische Opposition im Fernsehen sehen. Das erste Mal hörte man in einem Beitrag verschiedene Meinungen, plötzlich gab es professionell gemachte Sendungen. Und diese funktionieren eben nur, wenn man sich auf einen liberalen Ansatz stützt - sonst ist es Propaganda. Nur in dieser Anfangszeit und auf dieser Ebene kann man von einer Liberalisierung sprechen.

Nach welchen Kriterien werden Bilder ausgesucht und gesendet? Wie geht Al Jazeera in der Krisenberichterstattung mit Bildern von Verletzten, toten Kindern oder weinenden Müttern um?

Man hat Al Jazeera während des Irakkrieges beschrieben als den Sender, der die amerikanischen Raketen gefilmt hatte, wie sie einschlugen. Insbesondere zu dieser Zeit hat Al Jazeera eher die Opfer gezeigt.

Allgemein zu Bild und Opfer: Es ist nun mal so, dass die arabische Welt - ob Palästina, ob Irak oder ob Länder wie Libanon - eine Welt von vielen Leichen ist! Und es stellt sich dann die Frage für einen arabischen Journalisten, auch für Al Jazeera als Sender, ob man das verschweigen muss oder wie man damit umgeht. Ich behaupte, das Ganze ist ein Prozess, man befindet sich mitten im Prozess, man hat kein Konzept.

Es wurde ja oft Kritik an Al Jazeera im Umgang mit Bekennervideos von Entführern geübt. Gibt es da heute ein neues Konzept?

Inzwischen zeigt man Bekennervideos nur mit Bild und legt einen Sprecher darüber, damit man nicht dem Ziel der Geiselnehmer dient. Aber letztlich sind das Feinheiten und Kleinigkeiten, die versucht werden, um etwas Unlösbares zu lösen. Sowohl bei Al Jazeera, als auch woanders auf der Welt. Man will Bilder haben für die Nachricht, aber man will nicht zum Instrument der Bilderquelle werden.

Sehen sie im Umgang mit diesen Geiselnehmerbildern in Deutschland einen Unterschied?

Hier in Deutschland hat man zum Beispiel die Erfindung "Standbild" bei den öffentlich-rechtlichen gemacht. Man hält sich für moralisch besser aufgestellt, weil man ein Standbild von einer Geisel zeigt und nicht Bewegtes. Ob das jetzt wirklich moralisch besser ist, ist dahingestellt. Aber auf jeden Fall zeigt das krampfhafte Versuche, zwei Ziele zu erreichen: Bilder zu haben, aber sich die Hände nicht schmutzig zu machen. Das ist bei westlichen Medien so und auch bei Al Jazeera.

Würden sie sagen, dass die Bildsprache unterschiedlich ist, weil es einen unterschiedlichen Kulturhintergrund gibt?

Ich weiß nicht, ob man so weit gehen muss und darf, von Bildsprache zu reden. Aber auf jeden Fall ist der Umgang mit dem Tod als Thema ein anderer. Zum einen der kulturelle Hintergrund: Man ist eher plakativ traurig, plakativ schreiend, plakativ demonstrierend. So ist es nun mal in der arabischen Welt. Das ist weder positiv, noch negativ. Das ist der kulturelle Aspekt. Ein anderer ist ein ganz pragmatischer realistischer Aspekt: Der Tod ist dort allgegenwärtig!

Ich glaube nicht, dass man in Europa während und unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg mit dem Tod so umgegangen ist wie heute. In der arabischen Welt ist der Krieg an manchen Orten einfach zu gegenwärtig. In Palästina oder im Irak, wo täglich Leute bei Bombenanschlägen sterben, spielen Kinder mit Pistolen, sie spielen Armee und schreien: „Go,go,go!“ Wie die amerikanischen Soldaten.

Gibt es demnach bezüglich der Art und Weise wie Al Jazeera sendet eine Erwartungshaltung in der arabischen Bevölkerung?

Auf jeden Fall erwarten unsere Zuschauer, dass wir einen Teil dieser Gewalt zeigen, sonst wären wir in deren Augen Lügner oder unglaubwürdig. Aber man muss auch betonen, dass es in 80 Prozent der arabischen Welt diese Bilder nicht real gibt. Es betrifft nur bestimmte Regionen: Gaza, Irak, Libanon, ansonsten ist es in der arabischen Welt nicht unbedingt Alltag. Es spielt sich vielmehr auf einer emotionalen Ebene ab.

Der ewige Vorwurf, Al Jazeera sei ein Propagandasender der Terroristen. Wie reagiert der Sender auf solche Vorwürfe?

Das war nie richtig ein Thema, außer als die USA 2004 Al Jazeera zur Zielscheibe auf Pressekonferenzen gemacht haben. Zur Propaganda gehört automatisch, dass eine Ideologie da sein muss. Die Mitarbeiter müssen daran glauben, man muss dahingehend arbeiten, dass das Publikum manipuliert wird - in diese oder jene Richtung. Ohne diese Ideologie, ohne dass die Mitarbeiter daran glauben und ohne dass man wirklich ein Publikum beeinflussen kann, frage ich mich, wie soll so etwas entstehen?

Also sehen sie keine Einflussnahme von Außen auf den Senders Al Jazeera?

Propaganda ist immer auch das, was die andere Seite nicht sehen will. Das heißt nicht, dass man nicht selbstkritisch sein darf und muss, manchmal muss man sich wirklich fragen, ist das oder jenes in dieser Länge gerechtfertigt gewesen. Aber das muss man eigentlich immer überall, nicht nur bei Al-Jazeera, nicht nur bei Nachrichten mit Terroristen.

Wie frei ist die Meinungsäußerung im Sender? Gibt es eine Selbstzensur?

Ja natürlich gibt es immer eine Selbstzensur. Aber nicht im Sinne von im Vorfeld etwas kontrollieren und nicht ausstrahlen. Wir haben Gott sei Dank nicht die Instrumente und Hierarchien dafür. Aber natürlich gibt es Rahmenbedingungen, die bestimmte Themen ausschließen.

Können sie ein Beispiel nennen?

Bei unserer bekanntesten Streitsendung, der "Entgegengesetzten Richtung", war ein Gast aus den USA zu Besuch - eine Akademikerin, eine Muslima, die sich zu Gott und Mohammed geäußert hat. Sie erschien manchen Geschmäcken übermäßig kritisch und streckenweise beleidigend. Der Sender musste sich kurz darauf auf seiner Website entschuldigen, weil tausende Protestbriefe und Emails unsere Büros in der arabischen Welt erreichten. Auch Zeitungen haben darüber geschrieben. Hier hat jeder arabische Journalist festgestellt, man kann nicht über Gott und Mohammad grenzenlos reden. Hier einen Fehler zu machen, im Falle von Mohammed, das ist natürlich ein sehr empfindliches Thema. Die Leute waren sowieso aufgewühlt wegen der Karikaturen in Dänemark. Wir haben eben auch unsere Grenzen. Es gibt gewisse gesellschaftliche und religiöse Tabus die wir nicht brechen können.

Sie sind als Journalist hier in Deutschland ausgebildet worden. Wie sehen sie die Diskussion um journalistische Standards und den Ethikkodex in der Berichterstattung bei Al Jazeera?

Al Jazeera führt diese Debatte nicht anders, als es hier im Westen der Fall ist. Ich finde jedoch, wie hier teilweise über Al Jazeera und die Standards diskutiert wird, hat schon einen postkolonialen Charakter. Das ist wirklich lustig. Es gibt grundsätzliche Fragen der Presse. Im Falle von Al-Jazeera werden sie auf einmal zu einem "Al-Jazeera-spezifischen Phänomen". Schlimm ist diese nicht existierende Selbstkritik hier. Bei Al-Jazeera selbst werden viele Debatten geführt.

Sie kennen die Medienlandschaft beider Seiten, die deutsche und die arabische. Wo besteht für sie das größte Defizit auf arabischer Seite?

Was ich, aber auch der Sender selbst vermissen, ist, dass wir zu einer Welt gehören, wo es keine Meinungsforschungsinstitute gibt, wo es keine akademische Instanzen gibt, wo es keinen gesetzlichen Rahmen gibt. All das ist nicht gegeben. Hier ist es anders, hier kann man sagen, es gibt die Mediengesetze auf Landesebene und Artikel 5 im Grundgesetz. Egal, wie man dazu steht - die Rechtslage ist relativ klar geregelt. Wir haben diese Rahmen nicht. Wir haben die Institute nicht.

Man kann sagen, Al-Jazeera stachelt die Leute an. Das ist eine Meinung. Aber wer hat die öffentliche Meinung in der arabischen Welt studiert und kann das Ergebnis empirisch belegen? Keiner! Man kann Al-Jazeera Liberalisierer oder Anstifter nennen, man kann alles behaupten. Es gibt aber keine Instanzen, Messinstrumente oder verlässliche Quellen, die uns Daten geben. Das vermissen wir, sehr sogar.

Der Syrer Aktham Suliman arbeitet seit 2002 als Korrespondent und Berliner Büroleiter von Al Jazeera. Zuvor war er bei der Deutschen Welle tätig. Er hat in Berlin Publizistik, Islamwissenschaften und Politik studiert.

Das Interview führte Simon Hufeisen

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