Politik : Medien Was moderne aus unseren Kindern? machen

Fernsehen, Smartphone, Computerspiele: Elektronische Bilder können Quelle von Bildung sein. Allerdings nicht unter allen Umständen. Und nicht für jeden. Vom Fluch und Segen medialen Fortschritts.

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Der Fernseher steht im Keller, seit unser erstes Kind auf der Welt ist“, sagt die junge Frau. Selbst auf ihren geliebten „Tatort“ verzichtet sie – oder guckt ihn auf dem Rechner, wenn die Kinder schlafen. 2005, kurz nach der Geburt ihres ersten Sohnes, ist ein Buch erschienen, das ihr Angst gemacht hat: „Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft“. Der Psychiater Manfred Spitzer von der Universität Ulm legt in seinem Longseller detailgenau dar, wie Bildschirm-Bilder auf das Gehirn von kleinen Kindern wirken.

So umstritten Spitzers Folgerungen sein mögen, was die ganz Kleinen betrifft, in der medienpädagogischen Fachwelt herrscht gleichwohl Einigkeit: Für weltunerfahrene Babys liefern Fernsehen und Computer den falschen, weil unzureichenden Stoff. Bild und Ton sind nie ganz perfekt synchronisiert, die Bilder sind flach, Tasten und Schmecken sind unmöglich. „Reale Erfahrungen, bei denen alle Sinne angesprochen werden, sind entwicklungsförderlicher als gebanntes Hinstarren auf den Fernseher oder den Computer“, sagt auch der Medienpsychologe Helmut Lukesch von der Universität Regensburg.

Andererseits fürchtet die Mutter aber auch, ihren nunmehr fast siebenjährigen „Großen“ wesentlicher Erfahrungselemente zu berauben, wenn er gar nicht fernsieht. Vor allem aber, wenn er nicht rechtzeitig lernt, einen Computer und ein Smartphone zu benutzen. So extensiv wie der 14-jährige Sohn ihrer Schwester soll er das aber auch wieder nicht tun. Ist der nicht schon süchtig nach seinen Computerspielen? Was, wann, wie viel: Das sind die Fragen zur Mediennutzung, die heute Eltern plagen.

Die Daten der KIM (Kinder-und-Medien-)Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest aus dem Jahr 2008 zeigen: Fernsehen ist für Sechs- bis 13-Jährige nach wie vor das Hauptmedium. Jedes zweite Kind aus der Altersgruppe der Sechs- bis Siebenjährigen hat aber auch schon Erfahrungen an einem Rechner gemacht. Für Lukesch, der schon Ende der 80er Jahre eine erste Jugendmedienstudie veröffentlicht hat – in der das Internet noch nicht vorkam – ist klar: Ein Verdrängungswettbewerb hat seitdem allenfalls zu Ungunsten des Mediums Buch stattgefunden, ansonsten haben neue mediale Angebote schlicht zu einer Zunahme der Nutzungszeit geführt. „Auffällig ist dabei, dass sich der gleichzeitige Konsum mehrerer Medien ausgedehnt hat: Während des Computerspiels läuft oft noch ein Fernsehprogramm.“

Inzwischen zeigen einige Studien, dass Kinder, die in gängigen Lese- und Mathe-Vergleichstests schlecht abschneiden, besonders viel an Bildschirmen jeder Art hocken. Das Gutachten „Die Pisa-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“, das das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen im Jahr 2007 vorlegte, gipfelt denn auch im Porträt des extrem leistungsschwachen Maximalkonsumenten, der in Personalunion allen Risikogruppen angehört – und in einem Porträt seines Gegenstücks, der fernsehabstinenten Musterschülerin aus einem Bundesland mit straffem Schulsystem: „Danach bringt es ein zehnjähriger Junge aus einer bildungsfernen Familie mit Migrationshintergrund, der in einer norddeutschen Stadt aufwächst, pro Schultag auf 4 Stunden und 5 Minuten Medienkonsum, am Wochenende sogar auf 5 Stunden 40 Minuten. Ein deutsches Mädchen aus Süddeutschland, von dem mindestens ein Elternteil Abitur hat, erreicht dagegen an Schultagen nur einen Medienkonsum von 43 Minuten, am Wochenende von 54 Minuten.“

Dass der gar nicht so kleine Unterschied vor allem dann große Folgen hat, wenn er schon beim Start der Schullaufbahn besteht, zeigen die Forschungen von Marco Ennemoser, Professor für Schulische Prävention und Evaluation an der Uni Gießen: „Vielseher“, die schon als Vorschulkinder mehr als zwei Stunden täglich vor dem Fernseher sitzen, zeigen später schlechtere Schulleistungen. Interessant ist allerdings, dass es dabei nicht allein auf die Menge, sondern auch auf die Inhalte anzukommen scheint.

Das hatte der Medientheoretiker und Kulturkritiker Neil Postman noch ganz anders gesehen, als er 1985 in seinem Bestseller „Wir amüsieren uns zu Tode“ den Untergang der abendländischen Kultur kommen sah: „Wir haben es heute mit dem raschen Zerfall der Grundlagen einer Bildung, in deren Mittelpunkt das langsame gedruckte Wort stand, und mit dem ebenso raschen Aufstieg einer neuen Bildung zu tun, die auf dem lichtgeschwinden elektronischen Bild beruht.“ Wo die Bildschirme die Bildfläche beherrschen, ist nach Postmans Ansicht nur noch für Unterhaltung Platz.

Die Kinder, die der Medientheoretiker Mitte der 80er des vergangenen Jahrhunderts als dauerbespaßte Bildungsopfer des Medienzeitalters beschrieb, sind inzwischen längst selbst besorgte Eltern geworden. Einige befassen sich auch als Hochschullehrer mit der Rolle der neuen Medien im Schulunterricht – wie Wolfgang Lenhard, Pädagogischer Psychologe an der Uni Würzburg. „Der PC ist ein Medium, das sehr viele Chancen für das Lernen bietet“, sagt Lenhard. Ein Beispiel ist das von ihm entwickelte Computerprogramm, das Schülern im Förderunterricht hilft, ihr logisches Denken zu schärfen.

Die Kinder machen sich dafür zusammen mit zwei Elfen auf die Suche nach dem geheimnisvollen Diamanten der Weisheit, der in den Bergen in einer Höhle versteckt liegt. Osarion, ein alter und weiser Elf, hat ihnen davon erzählt. „Doch der Weg ist mit schwierigen Rätseln gepflastert. Diese müssen erst gelöst werden, bevor am Ende die große Belohnung auf Dich wartet“, erfahren die Zweitklässler zum Einstieg. Zum Beispiel müssen sie merken, dass ein einzelner Pinguin deplatziert ist unter lauter Tieren, die im sonnigen Afrika ihren Lebensraum haben, oder dass ein Fußball nicht zu den Küchengeräten gehört. Sechs Wochen Teilnahme am Programm brachte zwölf im Durchschnitt neunjährigen Förderschülern im Vergleich zu einer Kontrollgruppe einen deutlichen Zuwachs in der Fähigkeit, Regelhaftigkeiten zu erkennen. „Solche Programme haben den Vorteil, dass sie interaktiv sind und dass die Kinder sich gern daransetzen, weil sie spielerisch wirken“, sagt Lenhard. Wenn alles gut läuft, hat das Kind sozusagen einen Lehrer für sich allein, und wenn etwas nicht klappt, fühlt es sich auch nicht gleich vor der ganzen Klasse bloßgestellt. „Große Metaanalysen haben inzwischen gezeigt, dass durch PC-Programme die Kompetenzen in Mathematik und beim Lesen positiv beeinflusst werden können.“

Doch gerade beim Lesen gibt es immer wieder die Befürchtung, dass Tempo auf Kosten der Tiefe gehen könnte. „Am PC wird insgesamt etwas oberflächlicher und schneller gelesen“, urteilt auch Psychologe Lenhard. „Dafür motiviert das Medium manche Heranwachsende aber überhaupt erst dazu, es mit längeren Texten zu versuchen.“ In einer neuen Studie konnte Lenhard zeigen, dass Hauptschüler der sechsten Jahrgangsstufe sich auf die detaillierte Erarbeitung und Analyse von Texten einlassen, wenn ein geeignetes Lernprogramm sie Schritt für Schritt dort hinführt. Er bedauert, dass Deutschland unter den OECD-Ländern Schlusslicht ist, was den Einsatz von Computern im Unterricht betrifft. „Die Zukunft, auf die wir unsere Kinder vorbereiten, ist ohne sie schließlich nicht zu denken.“

„Menschen lernen natürlich immer und überall – manchmal aber auch das Falsche.“ Schon deshalb würde der Psychologe Eltern dringend davon abraten, ihren Kindern eigene Rechner oder eigene Fernseher ins Zimmer zu stellen. „Die Kinder sollten nicht lange allein vor dem Bildschirm sitzen, die Erwachsenen müssen mit ihnen über die Inhalte reden.“ Nur wenn die Inhalte und die Begleitung stimmen, tun Medien wie Fernsehen und Computer Heranwachsenden gut.

Mit zunehmendem Alter der Kinder lässt sich beides allerdings nicht mehr so einfach sicherstellen. Die Gefahren der Medien für Jugendliche, vor denen Experten regelmäßig warnen, heißen Gewalt, Pornografie und Sucht.

Stichwort Gewalt: Ingrid Möller und Barbara Krahé von der Uni Potsdam haben in einer Studie, für die Zwölf- bis 40-Jährige befragt wurden, bestätigen müssen: Auf die Dauer erhöht es die Bereitschaft zur Gewalt, wenn man am Rechner extensiv Spiele mit gewalttätigem Inhalt spielt.

Stichwort Pornografie: Die „Dr.-Sommer-Studie“ 2009 der Jugendzeitschrift „Bravo“, für die Kinder und Jugendliche ab elf Jahren befragt wurden, hat ergeben, dass 69 Prozent der Jungen und 57 Prozent der Mädchen bereits pornografische Inhalte im Netz konsumiert hatten. „Für männliche Jugendliche aller Schichten ist der Umgang mit diesen Inhalten inzwischen völlig normal, sie sind Bestandteil des täglichen Medienkonsums – und die Mädchen wissen das“, erläutert die Medienwissenschaftlerin Petra Grimm, die vor zwei Jahren im Auftrag der Niedersächsischen Landesmedienanstalt und der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien für ihre Studie „Porno im Web 2.0. – Die Bedeutung sexualisierter Web-Inhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen“ Interviews mit jungen Menschen geführt hat. Sie fürchtet, dass sie ein falsches Bild von Sexualität bekommen, ehe sie eigene Erfahrungen in der realen Welt sammeln.

Stichwort Sucht: Knapp fünf Prozent der Jugendlichen sollen sich heute zumindest an der Grenze zur Computer-Abhängigkeit befinden. Das wäre immerhin ein Schüler, eine Schülerin pro Klasse. Jungen sind weit mehr gefährdet. Mädchen verlieren sich eher in den sozialen Netzwerken oder werden vom Handy abhängig.

Besonders anfällig dafür, von Computerspielen abhängig zu werden, sind Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS). „Wegen ihrer kurzen Aufmerksamkeitsspanne bevorzugen sie Aktivitäten, bei denen schnelle Belohnungen herausspringen“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Christian Bachmann, Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Charité. An der Spielekonsole werden solche schnellen Belohnungen bereitgehalten, bei der Laubsägearbeit eher nicht. „Die psychische Struktur von Kindern mit ADHS spielt einer Abhängigkeit in die Hände“, sagt Bachmann. Er empfiehlt den Eltern seiner Patienten deshalb dringend, die tägliche Spielzeit auf höchstens eine Stunde zu begrenzen. Dass die Krankheit ADHS zugenommen hat, weil schon Kinder heute elektronische Medien reichlich nutzen, glaubt Bachmann aber nicht. „ADHS hat eine hohe genetische Komponente, ein Diagnosekriterium ist zudem, dass die Symptome sich schon im Kindergartenalter zeigen.“ Allerdings werden die Symptome durch ausuferndes Computerspielen verstärkt. „Wahrscheinlich kommen deshalb heute Heranwachsende zur Abklärung zu uns, deren Verhalten früher trotz einer entsprechenden Veranlagung nicht so auffallend gewesen wäre.“

Fazit: Die „lichtgeschwinden elektronischen Bilder“ können offensichtlich, Postmans Warnungen zum Trotz, durchaus zur Quelle von Bildung werden. Allerdings nicht unter allen Umständen. Den ganz Kleinen bieten sie zugleich zu viele und zu wenige Reize. Für größere Kinder drohen Risiken und Nebenwirkungen bei wahllosem Konsum ungeeigneter Inhalte, bei zu hoher Dosierung – und wenn Erwachsene sich als Mentoren im Umgang mit den Medien verweigern.

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