Medikamente : Risiken und Nebenwirkungen

Ab Juni erhalten AOK-Versicherte in den meisten Fällen nur noch Medikamente, die ihr Versicherer besonders kostengünstig eingekauft hat – eine Umstellung mit Folgen.

Rainer Woratschka

Berlin - Es ist die bislang größte Sparaktion einer Krankenkasse und die Folgen bekommen 24,5 Millionen Menschen zu spüren – jeder dritte gesetzlich Krankenversicherte in Deutschland. Ab Juni erhalten AOK-Versicherte in den meisten Fällen nur noch Medikamente, die ihr Versicherer besonders kostengünstig eingekauft hat. Dadurch erhoffen sich die 15 Ortskrankenkassen bis 2011 eine Ersparnis von mehr als einer Milliarde Euro.

Für die meisten chronisch Kranken bedeutet das die Umstellung auf ein neues Arzneimittel. Betroffen sind Medikamente, deren Patentschutz ausgelaufen ist und die deshalb nun von anderen Herstellern kopiert werden dürfen – sogenannte Generika. Weil die in Deutschland immer noch unverhältnismäßig teuer sind, hat die AOK mit etlichen Herstellern Rabattverträge abgeschlossen. Zum Zuge kamen 22 Pharmafirmen, und betroffen sind die 63 wichtigsten Wirkstoffe – vom Blutdrucksenker bis zum Schmerzmittel. Die Hersteller garantieren zwei Jahre lang einen Festpreis. Und die Kassen sparen so pro Jahr 521 Millionen Euro – fast ein Viertel dessen, was sie bisher für diese Wirkstoffe ausgegeben haben.

Für die Apotheker bedeuten die Rabattverträge über derartige Arzneimengen nicht nur ein logistisches Problem. Sie rechnen auch mit verärgerten und verwirrten Kunden – und Erklärungsbedarf. „Auf jeden Fall ist es ein hoher Mehraufwand“, sagt Christian Splett von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Anzeichen für Lieferengpässe gebe es dank mehrwöchiger Vorlaufzeit nicht. Dies könne sich aber ändern, „wenn im Juli die erste Nachbestellwelle rollt“. Natürlich könne es sein, „dass es zunächst noch ein bisschen kneift“, sagt AOK-Sprecher Udo Barske. Doch man habe bereits Erfahrungen aus den Jahren 2007 und 2008. „Die Apotheker sind vorbereitet und der Großhandel ist gut eingedeckt.“

Allerdings sind die AOK-Verträge teilweise erstaunlich. So erhielt der kleine und kaum bekannte Hersteller KSK- Pharma den Zuschlag für den mit Abstand umsatzstärksten Wirkstoff Omeprazol. Für das Mittel gegen die Überproduktion von Magensäure hat die AOK bisher im Jahr mehr als eine Viertel Milliarde Euro ausgegeben. „Natürlich hatten wir da Bedenken“, räumt Christopher Hermann ein. Der Vorstandsvize der AOK Baden-Württemberg war der Chefunterhändler für die Rabattverträge, und er hat sicherheitshalber für hohe Hürden gesorgt. Im speziellen Fall musste die KSK- Pharma die Lieferfähigkeit von vier Millionen Packungen pro  Jahr nachweisen.

Bei anderen wichtigen Wirkstoffen, etwa dem Schmerzmittel Ibuprofen oder dem Cholesterinsenker Simvastatin, kamen große Hersteller zum Zuge, bei denen man weniger Sorgen hatte. Insgesamt erhielt die Sandoz-Gruppe 68 Einzelzuschläge, Sanofi-Aventis kam auf 51. Der Pharma-Riese Ratiopharm dagegen ging leer aus. Bei der gewaltigen Marktmacht der AOK könne das natürlich „ganz massive Einbußen“ bedeuten, sagt Hermann.

So ist auch gut vorstellbar, mit welcher Härte die Auseinandersetzungen geführt wurden. „Sämtliche juristischen Hebel“ habe die Pharmaindustrie in Bewegung gesetzt, sagt Barske. Die 31 Verfahren mit 22 Herstellern zogen sich über sechs Monate hin. Am aggressivsten waren die Firmen Stada und Biomo-Corax. Doch am Ende siegten die Kassen. „Es gab 52 Entscheidungen, alle zu unseren Gunsten“, freut sich Hermann. „ Unser Durchhaltevermögen und die Geschlossenheit des AOK-Systems haben sich vor allem für unsere Versicherten ausgezahlt.“

Das Gesundheitsministerium ist zufrieden, die Mehrheit der Apotheker und der Ärzte auch. Und Hermann behauptet, dass sogar die Patienten vom verordneten Wechsel zu Billigpräparaten profitierten. Schließlich erhielten die gesetzlich Versicherten schon bisher immer nur das jeweils preisgünstigste wirkstoffgleiche Medikament. „Nun können sie sich zumindest darauf verlassen, bis 2011 das gleiche Präparat zu erhalten.“

Aber ist es nicht riskant, alten oder chronisch kranken Patienten immer neue Medikamente zu verpassen? Bei Wirkstärke und Darreichungsform bleibe alles gleich, betont Hermann. Allenfalls ändere sich Farbe oder äußere Form der Arznei. Und bei Zweifeln stünden Ärzte wie Apotheker in der Verantwortung. Im begründeten Ausnahmefall könnten sie sich auch gegen das rabattierte Mittel entscheiden. Zudem drücke man in der Umstellungsphase schon mal ein Auge zu, verspricht Hermann. „Wenn es wider Erwarten zu Falschabgaben kommt, werden wir nicht gleich mit dem Knüppel dreinschlagen.“

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