Medikamentenmissbrauch : Doping im Job: Jeder Fünfte dafür - Zwei Millionen tun es

Gegen Stress und Konflikte am Arbeitsplatz greifen Millionen gesunde Bundesbürger zu Pillen. Knapp 20 Prozent akzeptieren laut einer Umfrage der Deutschen Angestellten Krankenkassen DAK Stimmungsaufheller grundsätzlich gegen Probleme, für mehr Leistung und bessere Laune im Job - trotz Nebenwirkungen und Suchtpotenzial.

BerlinRund zwei Millionen gesunde Arbeitnehmer in Deutschland haben trotz hohen Suchtrisikos schon einmal ihre Leistung oder Laune mit Medikamenten steigern wollen. Rund 800.000 nähmen regelmäßig leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Arzneimittel als Doping am Arbeitsplatz, berichtete die Deutsche Angestellten Krankenkassen DAK am Donnerstag in Berlin.

Die Pillen kommen vielfach von Kollegen, Freunden oder aus dem Versandhandel. Jeder fünfte Arbeitnehmer halte die Einnahme von Pillen ohne medizinischen Grund für vertretbar, um die Leistung zu erhöhen. DAK-Chef Herbert Rebscher warnte vor Nebenwirkungen und einem hohen Suchtpotenzial: "Der Wunsch, immer perfekt sein zu müssen, lässt sich auch durch Medikamente nicht erfüllen."

Männer greifen laut der Umfrage eher zu aufputschenden oder konzentrationsfördernden Mitteln, Frauen zu Arzneimitteln gegen Verstimmungen und Ängste. "Männer frisieren ihr Leistungspotenzial, Frauen polieren ihre Stimmungen auf", so der Kassenchef.

Anstieg psychischer Krankheiten

Die DAK warnte auch vor Medikamentenmissbrauch auf Wunsch von Versicherten unter Mithilfe der Ärzte. Bestimmte Mittel etwa gegen Demenz, das "Zappelphilipp-Syndrom" ADHS oder Depressionen verordneten Mediziner vielfach ohne die entsprechende Diagnose. So hätten gut 97 Prozent der Nutzer des Anti-Demenz-Wirkstoffs Piracetam das Mittel bekommen, obwohl bei ihnen diese Diagnose gar nicht gestellt wurde. Beschäftigte erhielten wohl viele Psycho- und Neuro-Pharmaka, weil sie damit mehr leisten oder weniger anfällig gegen Stress werden wollen.

Der Krankenstand stieg unterdessen um 0,1 Prozentpunkte auf 3,3 Prozent im vergangenen Jahr. Ein DAK-Versicherter fehlte im Schnitt 11,9 Tage. Alarmierend sei der Anstieg der psychischen Krankheiten im Vergleich zum Vorjahr um 7,9 Prozent.

Die DAK hatte zum Thema "Doping im Job" 3000 Arbeitnehmer repräsentativ befragen lassen, zu den Mitteln ohne zutreffende Diagnose eigene Verordnungsdaten analysiert und zum Krankenstand die Krankschreibungen von 2,5 Millionen Mitgliedern auswerten lassen. (jam/dpa)

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