Medizin : Arzneikosten steigen wieder

Die Spargesetze der Koalition haben die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen 2006 nur vorläufig senken können. Laut dem jüngsten Arzneimittelreport hätten letzes Jahr 3,3 Milliarden Euro ohne Nachteile für Patienten eingespart werden können.

Pillen
Relativ häufig werden nutzlose oder zu teure Arzneien verschrieben. -Foto: ddp

BerlinNach einem drastischen Rückgang des Ausgabenanstiegs auf 1,8 Prozent habe es zuletzt im August 2007 wieder einen Anstieg von 11,3 Prozent zu Lasten der Beitragszahler gegeben, sagte der Herausgeber des Arzneiverordnungs-Report 2007, Dieter Paffrath. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) kündigte weitere Sparmaßnahmen an.

2005 hatte das Plus noch fast 17 Prozent betragen. Dass die Gesamtausgaben für Medikamente 2006 daraufhin nur leicht auf 25,9 Milliarden Euro gestiegen sind, ist nach Darstellung des Reports Folge der seit Mai 2006 geltenden Arzneimittel-Spargesetze. "Die Wirkung ist nicht nachhaltig", sagte Paffrath. Die Steigerungsraten in den Monaten des zweiten Halbjahres 2007 seien bereits alle wieder zweistellig gewesen. Und selbst 2006 hätten laut Paffrath 3,3 Milliarden Euro ohne Nachteile für die Patienten eingespart werden können. So verordneten immer noch viele Ärzte teure Originalpräparate statt der günstigeren Nachahmer-Mittel, sogenannte Generika, oder verschrieben umstrittene Medikamente.

Drastische Preisunterschiede in europäischen Ländern

Schmidt kündigte mittelfristig neue Reformen im Gesundheitswesen als Daueraufgabe an. "Ich kann nicht versprechen, dass im kommenden Jahr oder sonst wann die Arzneiausgaben nicht wieder steigen." Neben den durch die Gesundheitsreform geschaffenen Möglichkeiten von Rabattverträgen seien weitere Preisverhandlungen nötig. Schmidt sagte: "Wir müssen die Industrie dazu bringen, dass sie Europa als Ganzes als Markt sieht." Nach Angaben von Report-Mitherausgeber Ulrich Schwabe kostet etwa der Cholesterinsenker Simvastatin in Schweden nur 6,93 statt hier 22,97 Euro.

Stehen günstige Medikamente anstatt teurer Mittel zur Verfügung, will Schmidt die Pharmaindustrie per Pflichtzulassung dazu drängen, die Mittel in Prüfungsverfahren für den Markt zu bringen. Im Fall des Darmkrebsmittels Avastin für Patienten mit Augenleiden wandte sich Schmidt dagegen, dass Hersteller vor allem das Ziel haben, "dicken Reibach" zu machen. Schwabe sagte, alle 485.000 Patienten mit einer bestimmten Form der Altersblindheit in Deutschland könnten mit dem dafür nicht zugelassenen Avastin für 32 Millionen Euro im Jahr behandelt werden - statt für 8,9 Milliarden mit dem zugelassenen Lucentis.

Nachahmerprodukte deutlich billiger geworden

Die Arzneimittel-Spargesetze hätten "dramatische Preissenkungen bei Generika" gebracht, sagte Schwabe. Höchstbeträge, die die Kassen für Medikamente zahlen, wurden gesenkt, Zuzahlungsbefreiungen für besonders günstige Medikamente eingeführt - heute umfasse diese Liste rund 10.000 Mittel. Hinzu kamen ein zweijähriger Preisstopp und die als besonders effektiv bewertete Einführung eines Abschlags für Nachahmer-Präparate. Die Arzneimittelausgaben lagen dennoch um 3,7 Milliarden Euro über denen für ärztliche Behandlung. Die medizinisch nicht nötige Verschreibung teurer Mittel habe den Unternehmen allein 910 Millionen Euro Umsatzplus beschert.

Für das jüngste Ausgabenplus machten die Forscher neben der Erhöhung der Mehrwertsteuer und einzelnen besonders teuren neuen Spezial-Medikamenten für besondere Krankheiten weitere Innovationen verantwortlich. Von 27 eingeführten Mitteln mit neuen Wirkstoffen seien allerdings 93 Prozent als wirkliche Verbesserungen eingestuft worden. AOK-Vorstandschef Hans Jürgen Ahrens nannte den Kostenanstieg besorgniserregend. Henning Fahrenkamp, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, wies die Forderung nach zusätzlichen Sparmaßnahmen angesichts der jüngsten Preissenkungen als "so antik wie ideologisch" zurück. (mit dpa)

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