Politik : Medizin und Ethik: Grauzonen

Rainer Woratschka

Tiefgefrorene Embryonen im Angebot, 2750 Dollar das Stück. Schon vor mehr als drei Jahren, im November 1997, suchte Dr. Mark Sauer vom Columbia-Presbyterian Medical Centre in New York Kundschaft für seine Restposten künstlicher Befruchtung. "Gut 1100 Embryonen hat er uns damals gezeigt", erinnert sich ein Mitarbeiter des CDU-Bundestagsabgeordneten Hubert Hüppe, der sich im Dezember 1998 in Sauers "Center For Human Reproduction" umsah. Und etliche dieser Embryonen seien verwaist gewesen - weil sich ihre Erzeuger nicht mehr gemeldet oder aufgrund einer Trennung anders entschieden hätten.

Für Hüppe, stellvertretender Vorsitzender der Enquete-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin" und seit Samstag erneut auf gentechnischer Erkundungsreise in den USA, sind die Meldungen der "New York Times" über Embryonen-Adoption in Kalifornien also gar nicht so neu. Der Abgeordnete erfuhr damals auch, dass die Interessentinnen nicht nur US-Bürger sind. Laut Dr. Sauer und seinem deutschstämmigen Kompagnon Ralf Zimmermann erkundigten sich auch viele deutsche Frauen nach den Möglichkeiten einer Embryo-Adoption.

In Deutschland sei solches undenkbar, lassen die zuständigen Bundesministerien wissen. "Um adoptiert werden zu können, muss das Kind erst mal auf der Welt sein", sagt Anna-Paula Rodrigues, Sprecherin des Familienministeriums. Möglich sei eine Abgabe frühestens acht Wochen nach der Geburt. Dank Embryonenschutzgesetz gebe es hier weder Leihmütter noch Eizell-Spenden, versichert das Gesundheitsministerium.

Hüppe kann das bestätigen. Doch er weiß auch, dass Frauen, die sich im Ausland einen fremden Embryo einpflanzen lassen, straffrei ausgehen. "Bestraft werden kann nur der Arzt", sagt er. Und wenn der nicht zufällig deutscher Staatsangehöriger sei, komme kein deutscher Staatsanwalt an ihn heran.

Grauzonen. In einer Kleinen Anfrage erkundigte sich die Unionsfraktion kürzlich nach "überzähligen" Embryonen aus Reagenzglas-Befruchtungen in Deutschland. Die Antwort der Bundesregierung: Man habe "keinen Anlass für die Annahme, dass in Deutschland eine Kryokonservierung von Embryonen in nennenswerter Zahl stattfindet". Schließlich sei das längerfristige Einfrieren nur "in Einzelfällen erlaubt, wenn es zu Übertragungshindernissen auf die zu behandelnde Frau, etwa infolge einer Erkrankung kommt". Betroffene Embryonen könnten dann auch später übertragen werden.

Die Umfrage, auf die sich die Regierung berief, ist freilich veraltet. Sie stammt von 1996. Der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese hat die Zahl überzähliger Embryonen in Deutschland auf rund 3000 geschätzt. Um in kein ethisches Dilemma zu kommen, müsse man ihre Entstehung vermeiden, sagte er dem Tagesspiegel. Seien sie aber erst einmal vorhanden, könne man sie auch zur Adoption freigeben. "Das ist ethisch allemal verantwortlicher als sie zu zerstören."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben