Politik : Mediziner fordern schnelle Reformen im Gesundheitwesen

Ulrike Fokken

Die Diagnose ist klar, die Therapie weiterhin offen. Das Gesundheitswesen droht zu kollabieren, wenn es nicht reformiert wird. Das "Bündnis Gesundheit 2000" hat deswegen gestern die Politik aufgefordert, sich rechtzeitig vor Ende der Legislaturperiode auf Grundlinien der zukünftigen Gesundheitspolitik zu verständigen, um diese dann nach der Bundestagswahl 2002 umzusetzen.

"Nur bei einem parteiübergreifenden Konsens unter Beteiligung der Gesundheitsberufe sind wirkliche strukturelle Reformen möglich", sagte Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer. Die Standesorganisation der Ärzte ist eine von 38 Organisationen und Verbänden von Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern und Therapeuten im Bündnis Gesundheit 2000. Sie hatten sich Ende der neunziger Jahre zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen die Gesundheitsreform 2000 vorzugehen und auf das Gesetzeswerk einzuwirken.

Asthma und Krebs nehmen zu

Doch das gesetzgeberische Stückwerk der vergangenen und der jetzigen Regierung reichen nicht aus. Hoppe und seine Kolleginnen haben "Unter- und Fehlversorgung" bei Kranken mit Multipler Sklerose, Aids und Gelbsucht ausgemacht. "Ein zusätzlicher Versorgungsbedarf zeichnet sich künftig bei den Volkskrankheiten Diabetes, Asthma, Rheuma sowie Krebs ab", warnte Hoppe. Verantwortlich dafür seien die sinkenden Einnahmen der Krankenkassen. Denn ebenso wie das Rentensystem leidet auch das Gesundheitswesen an den schrumpfenden Beiträgen der Versicherten. Beide System sind solidarisch angelegt - die Versicherten zahlen also nicht für die durch sie anfallenden Kosten, sondern einen Prozentsatz gemäß ihrem Bruttolohn. Bei anhaltend hohen Arbeitslosenzahlen und einer älter werdenden Bevölkerung fallen also die Krankenkassenbeiträge automatisch.

Die niedergelassenen Ärzte leiden laut Hoppe außerdem bereits an den Quartalsbudgets, die ihnen die Abrechnungsstelle der Kassenärztlichen Vereinigung alle drei Monate zuweist. "Für dieses Quartal ist das Budget bereits fast ausgeschöpft", sagte Hoppe. Die Ärzte müssten sich also "Maßnahmen überlegen", um ihre Kosten zu senken. Sie könnten zum Beispiel die Öffnungszeiten ihrer Praxen verkürzen.

4000 Zahnarzthelferinnen gekündigt

Die Therapievorschläge von Hoppe und seinen Mitstreitern blieben vage. "Es muss geprüft werden, ob nicht auch andere Einkommensquellen wie Mieten oder Aktiengewinne herangezogen werden müssen", sagte Bärbel Keim-Meermann, Bundesvorsitzende des Berufsverbandes der Arzt-, Zahnarzt- und Tierarzthelferinnen. Sie sorgt sich insbesondere auch um Arbeitsplätze in den Praxen: Entweder sie fallen weg oder ihre Kolleginnen werden durch schlechter ausgebildete und billigere Helferinnen ersetzt. So hätten nur noch die Hälfte ihrer Kolleginnen in Arztpraxen eine Vollzeitstelle und 4000 Zahrzthelferinnen hätten in den vergangenen Jahren ihre Stelle verloren.

Sie setzt wie Hoppe auf Prävention. Nicht nur in der Arztpraxis, um Menschen vor Krankheiten zu bewahren, sondern vor allem, um das Gesundheitswesen zu reformieren. "Wir sehen uns als Katalysator", sagte Hoppe, der rechtzeitig eine Diskussion mit der Politik, den Patienten und den Krankenkassen anstoßen möchte, um die bestehende Gesundheitsversorgung zu retten.

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