Politik : Mediziner schimpfen auf Funktionäre

Rainer Woratschka

Berlin - Es ist eine Gegenveranstaltung, und sie heißt auch so. Zum ersten Mal und knapp einen Monat vor dem regulären Ärztetag laden an diesem Samstag unzufriedene Mediziner zu einem „Ärztetag von unten“ in die Hauptstadt. „So wie bisher darf’s nicht weitergehen“, sagt der Organisator und Sprecher der Freien Ärzteschaft, Franz-Josef Müller. Sein Befund: „Die Vorstellungen der Ärzte an der Basis und der gewählten Funktionäre entwickeln sich immer weiter auseinander.“

Allein gelassen fühlen sich die Mediziner vor allem mit ihrer finanziellen Situation. „Das Honorar bricht an allen Ecken und Enden weg“, klagt Müller – und verweist auf Mecklenburg-Vorpommern, wo Ärzte seit April für ein zehnminütiges Patientengespräch nur noch 2,25 Euro abrechnen könnten. „Pro Stunde 13,50 Euro. Davon kann keiner mehr leben.“ Grund für die Misere seien „unfähige Funktionäre, die für sich selber ausgesorgt haben“ und die Kopplung der Honorare an die Lohnsummen, sagt der Ärztesprecher. Von dem Dilemma seien nicht nur Mediziner betroffen, in strukturschwachen Gegenden sei schon jetzt die Patientenversorgung gefährdet. „Die alten Ärzte gehen reich in Rente, die Jungen gehen ins Ausland.“

Kritik setzt es beim „Ärztetag von unten“ auch an der elektronischen Gesundheitskarte – nicht nur wegen des Aufwands in den Praxen, der laut Müller „nur zu Lasten der Behandlungsqualität gehen kann“. Problematisch sei auch, dass Krankenakten nicht mehr beim Arzt lagern, sondern auf anonymen Servern gespeichert werden sollen. „Niemand wird kontrollieren können, wer dort auf welche Daten zugreifen kann“, sagt der Sprecher – und wenn die Krankenkassen Zugriff hätten, könnten sie sich die Versicherten nach Risiken aussuchen. „Für chronisch Kranke oder Behinderte dürfte dann die freie Wahl der Kasse der Vergangenheit angehören.“

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