Politik : Mediziner sind frustriert – viel Arbeit, wenig Geld

Lisa Wandt

Berlin – Jeder zweite Krankenhausarzt ist mit seinem Job unzufrieden, fast jeder dritte würde seinen Beruf kein zweites Mal wählen. Das geht aus einer Umfrage des Marburger Bundes (MB) hervor, die am kommenden Dienstag offiziell vorgestellt werden soll. „Die Arbeitsbedingungen sind nach wie vor katastrophal, die Arbeitgeber brechen Tarifrecht“, sagte Verbandschef Frank Ulrich Montgomery dem Tagesspiegel. Zwar habe sich die Arbeitssituation in den Krankenhäusern verbessert, die den MB-Tarifvertrag anwenden. Allerdings dominierten weiterhin „gesetzeswidrig lange Arbeitszeiten sowie millionenfach unvergütete Überstunden“ den Ärztealltag, kommentierte Montgomery die Studie. Wenn sich an dieser Situation nichts ändere, drohe den Krankenhäusern bald ein Ärztemangel.

Fast zwei Drittel der befragten Ärzte gaben an, dass in ihrem Krankenhaus die gesetzliche Höchstarbeitszeit nicht eingehalten würde – diese liegt je nach Tarifvertrag bei bis zu 60 Stunden. Rund 40 Prozent der Befragten arbeiten pro Woche mehr als 60 Stunden. „Rechnet man die unvergüteten Überstunden hoch, schenken wir den Arbeitgebern jedes Jahr eine Milliarde Euro“, kritisierte Montgomery. An der MB-Umfrage vom Juni dieses Jahres beteiligten sich knapp 19 000 Mediziner. Die Ärztegewerkschaft hatte das Institut für Qualitätsmessung und Evaluation mit der Studie beauftragt.

Bei den Arbeitgebern zeigte man sich „überrascht“, man habe andere Zahlen. „Mammutschichten sind ein Klischee und gehören der Vergangenheit an,“ sagte Holger Mages, der Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Die meisten jungen Ärzte arbeiteten nicht mehr als 46 Stunden pro Woche. Das werde von den Landesbehörden überprüft, Mehrarbeit werde mit Bußgeldern bestraft. Auch die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber geht davon aus, dass die Tarifverträge eingehalten werden.

Die Studie zeigt indes: Trotz der wochenlangen Streiks im vergangenen Jahr haben sich die Bedingungen der Ärzte nur marginal verbessert. Im August 2006 hatten sich die Mediziner als klare Sieger der Arbeitskämpfe gefeiert, Verbandschef Montgomery hatte sich mit einem Großteil seiner Forderungen durchgesetzt: Mehr Gehalt und kürzere Arbeitszeiten für etwa 55 000 Ärzte an den 700 städtischen Kliniken und Kreiskrankenhäusern und für 20 000 Mediziner an den Universitätskliniken.

Doch offenbar können Tarifverträge allein das Problem von Überstunden nicht lösen. „Oft setzen sich die jungen Ärzte aufgrund ihrer Karriereplanung nicht gegen die Chefärzte durch und arbeiten freiwillig länger“, sagte Jan Jurczyk, Gesundheitsexperte von Verdi. Nicht selten verlangten Chefärzte von ihren Mitarbeitern, von ihren Rechten abzusehen. „Die Ärzte müssen selbst für die Einhaltung der Verträge eintreten“, sagte Jurczyk.

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