Medizinische Versorgung in Ostukraine kollabiert : Rette sich, wer kann

In der umkämpften Ostukraine wird die humanitäre Lage immer schlimmer. Die WHO fürchtet, dass die medizinische Versorgung komplett zusammenbricht.

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Die nahe Katastrophe. In den drei größten Krankenhäusern der Region Donezk sind Medikamente und Personal knapp.
Die nahe Katastrophe. In den drei größten Krankenhäusern der Region Donezk sind Medikamente und Personal knapp.Foto: AFP

In der Ostukraine nimmt die humanitäre Katastrophe immer neue Dimensionen an: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf berichtet, wegen des Konflikts drohe die medizinische Versorgung in den besetzten Regionen Lugansk und Donezk zu kollabieren. Zudem würden Stromausfälle, die Trinkwasserknappheit und die wiederaufgeflammten Kämpfe die im Krisengebiet verbliebenen Menschen zermürben. Nach WHO-Angaben sind bis zu 70 Prozent des Krankenhauspersonals aus der Region geflohen oder getötet worden. Seit Beginn des Jahres verschlechtert sich durch die zunehmenden Auseinandersetzungen nicht nur die Sicherheitslage für die Bevölkerung. Auch die Tatsache, dass die Gehälter der Mediziner seit November nicht mehr gezahlt werden, führen zu einer immer schlimmeren Situation.

So fehlt es laut WHO in den drei größten Kliniken auf dem von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiet mittlerweile an allem. Es gäbe weder ausreichend Medikamente noch Personal, auch Treibstoff und Lebensmittel seien vielfach nicht vorhanden. Verletzte Zivilisten würden kaum mehr versorgt. Die Menschen kämen in der Hoffnung auf medizinische Hilfe mit teilweise schweren Verletzungen in die Krankenhäuser, doch könnten sie dort nur in seltenen Fällen behandelt werden. Ebenfalls kritisch ist die Lage von chronisch Kranken – etwa 98 Dialysepatienten in Donezk schwebten in Lebensgefahr, berichtete Anfang der Woche die größte ukrainische Tageszeitung „Segodna“.

Bislang sind seit April offiziell 4808 Menschen ums Leben gekommen, 10 468 wurden verletzt – und die Zahlen steigen weiter an. Alleine am Samstag meldete das ukrainische Militär drei tote Soldaten und 18 Verletzte. Wie hoch die Verluste aufseiten der prorussischen Separatisten sind, ist unbekannt. In sozialen Netzwerken berichten Augenzeugen von der aktuellen Lage.

Bei Schnee und Eis ohne Heizung und warmes Wasser

Auf ihrer Facebook-Seite berichtet die Bürgerinitiative Freies Donbass zum Beispiel, dass 42 Städte in der Region derzeit ohne Strom seien, tausende Menschen müssten bei Eis und Schnee ohne Heizung und ohne warmes Wasser auskommen. In der umkämpften Stadt Debalzewe in der Region Donezk frieren die Menschen seit Wochen. Obwohl die Gegend bekannt ist für ihren Kohleabbau, fehlen die Kapazitäten, um den Brennstoff in die Stadt zu schaffen. Der Bahnhof wurde im Sommer 2014 von den prorussischen Separatisten stillgelegt, um Nachschubwege abzuschneiden. Zwar versprach die Regierung in Kiew, Strom und Gas in die besetzten Gebiete zu liefern, doch das ist in Debalzewe logistisch derzeit gar nicht möglich. Das Kohlekraftwerk, das die Stadt mit Wärme versorgt, kann wegen der fehlenden Kohlelieferungen nicht arbeiten.

Auch die Bewohner der Stadt Jassynuwata, ebenfalls in der Region Donezk gelegen, leiden unter den Folgen der Kämpfe. Auch hier wurde der Eisenbahnverkehr eingestellt, nun frieren dort etwa 15 000 Menschen, die noch nicht geflohen sind. Zudem ist die Pumpstation, die die Stadt mit Trinkwasser versorgt, beschädigt. Viele Bewohner holen sich ihr Trinkwasser derzeit aus Brunnen, einige tauen sogar Schnee auf, um wenigstens kochen zu können.

Lebensmittel, Medikamente, Brennstoff - alles wird knapp

Den Menschen in der Großstadt Mariupol geht es ähnlich. Seit mehr als einer Woche wird die Fernstraße Donezk – Mariupol aus Sicherheitsgründen blockiert, da die Armeeführung eine Stürmung durch die Truppe der selbsternannten „Volksrepublik“ Donezk befürchtet. Anführer Alexander Sachartschenko hatte in den vergangenen Wochen immer wieder damit gedroht, er werde „Mariupol einnehmen“. In der Hafenstadt und den umliegenden Städten werden nun frische Nahrungsmittel wie Brot und Milch knapp.

Bereits heute darben rund 100.000 Bewohner des Donbass, sie leben ohne Heizung und warmes Wasser und müssen auf Medikamente weitgehend verzichten. „Für die chronisch Kranken, die nicht fliehen konnten oder wollten, werden in diesen Tagen die letzten Medikamentenreserven zusammengesammelt“, schreibt die russischsprachige Tageszeitung „Komsomolskaja Prawda“. In größeren Städten wie Donezk verteilt die Hilfsorganisation des Oligarchen Rinat Achmetow Lebensmittel, Medikamente und Brennstoff. Jede Woche stehen vor der Donbass-Arena, einem der modernsten Fußballstadien Europas, Menschen Schlange, um sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Das Stadion der Mannschaft Schachtjor Donezk wurde mittlerweile als Lager für Hilfsmittel umfunktioniert. Die Fußballprofis und der Mannschaftsstab haben sich bereits vor Monaten nach Kiew abgesetzt.

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