Politik : Mehdorns Großbaustelle Von Bernd Hops

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Für Bahnchef Hartmut Mehdorn ist 2006 ein Rekordjahr. Sein Konzern fährt endlich einen ordentlichen Gewinn ein. In den Zügen sitzen mehr Kunden. Nach der rasanten Expansion der Logistiksparte kennen selbst die Chinesen das DB-Logo. Das sind genügend Gründe, um zufrieden zu sein. Viele Fahrgäste haben ebenfalls Rekorde registriert. Die Züge sind unpünktlicher, obwohl es dieses Jahr kein Blitzeis gegeben hat. Nach guten Werten in den ersten sechs Monaten ging es rapide nach unten. Jeder verspätete Regionalexpress ist Grund genug, unzufrieden zu sein.

Der Steuerzahler investiert jedes Jahr Milliarden in die Schiene. Dass es seit Monaten trotzdem überdurchschnittlich viele Verspätungen gibt, hat der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg gerade aufgelistet. Häufiger Grund sind Baustellen, die wegen der Fußball-WM aufgeschoben wurden. Aber sollte nicht gerade der von Mehdorn verteidigte integrierte Konzern mit Schienennetz und Zügen aus einer Hand einen reibungslosen Betrieb garantieren?

Im kommenden Jahr können die Kunden nicht auf große Veränderungen hoffen. Mit der Vorentscheidung von Regierung und Bundestag zur Bahnprivatisierung im November sollte Ruhe einkehren. Aber es ist weiter unklar, ob das Unternehmen nicht doch aufgeteilt wird. Außerdem soll Personal innerhalb des Konzerns in großem Maßstab anders eingesetzt werden. Motivierend wirkt das kaum. Vom Konzernvorstand bis zum Fahrkartenverkäufer wollen alle wissen, wohin es mit dem Unternehmen geht. Erst dann können sie sich darauf konzentrieren, für die Kunden da zu sein. Die Unsicherheit wird nicht so schnell beendet. Daran sind beide schuld, die Politik und Mehdorn.

Irgendwann im Frühjahr wird der Gesetzentwurf zur Bahnprivatisierung vorgelegt. Dann geht die Diskussion wieder los. Sind die mühsam ausgehandelten Eckpunkte, auf die sich Union und SPD geeinigt hatten, wirklich umgesetzt worden? Die Bahnreform ist nicht so publikumswirksam wie die Gesundheitsreform, aber für Streit ist auch sie immer gut. Jeder einzelne Abgeordnete will bei dem Thema mitreden. Auf welchen Weg die Politik die Bahn tatsächlich schickt, werden wir wohl erst in einem Jahr wissen.

Der Bahnchef überschlägt sich derweil mit Visionen. Eigene Flugzeuge? Das ist für Mehdorn in wenigen Jahrzehnten denkbar. Milliardenschwere Übernahmen von Bahnunternehmen in Osteuropa? In den nächsten Jahren ohne weiteres zu stemmen. Dabei warnte Mehdorn noch vor kurzem, der Konzern benötige unbedingt das Geld aus der Privatisierung. Denn durch die Expansion ist ein großer Schuldenberg entstanden. Und warum muss die Bahn unbedingt als Retterin auftreten und ein Angebot für den Berliner Flughafen Tempelhof machen, während in der Provinz immer mehr Züge immer langsamer fahren, weil das Schienennetz nicht mehr hergibt?

Die steigenden Kundenzahlen und Gütermengen zeigen, dass die Deutsche Bahn hierzulande wie international eine Zukunft hat. Dazu hat Mehdorn beigetragen, indem er das Unternehmen international gut vernetzt hat. Jetzt droht er aber, sich mit lauter neuen Ideen und Streitereien über Bahnhofsarchitektur zu verzetteln. Wie die Zukunft wird, entscheidet sich in der Gegenwart auf den Bahnsteigen. Der Kunde will pünktlich von A nach B gebracht werden. Das mag für einen Spitzenmanager bald langweilig sein. Aber es ist das Kerngeschäft, woran sich letztlich seine Qualität misst.

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