Politik : Mehr als 100000 Polizisten sichern WM

Nordrhein-Westfalens Innenminister warnt vor Terroranschlägen / Länder verhängen Urlaubssperren

André Görke

Berlin/Neuss - Der nordrhein-westfälische Innenminister Fritz Behrens (SPD) hat vor Terroranschlägen bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gewarnt. Wegen des großen Medieninteresses sei „nicht auszuschließen“, dass „einzelne Interessengruppen“ die WM nutzen, „um sich der Öffentlichkeit zu präsentieren und ihren Anliegen medienwirksam Nachdruck zu verleihen“, sagte Behrens bei der WM-Sicherheitskonferenz internationaler Polizei-Experten in Neuss. Das Spektrum reiche von „demonstrativen Aktionen“ bis hin zu „terroristischen Anschlägen“, sagte Behrens. In Neuss tagen derzeit 70 Polizeiexperten aus allen EU-Staaten, um sich mit der steigenden Zahl von Ausschreitungen in Fußballstadien zu beschäftigen. In Italien hatten gewalttätige Fans erst in dieser Woche randaliert, auch in deutschen Stadien prügeln sich Hooligans immer häufiger.

Erkenntnisse über konkrete terroristische Anschläge liegen bislang jedoch nicht vor. Und dennoch bereitet sich die Polizei zur Fußball-WM auf einen der größten Einsätze in der Geschichte des Landes vor. Voraussichtlich mehr als 100000 Polizisten werden den Ablauf des Tuniers sichern. Schon jetzt haben fünf Bundesländer eine bis zu fünfwöchige Urlaubssperre für knapp 70000 Vollzugsbeamten im Sommer 2006 verhängt. Das ergab eine Umfrage des Tagesspiegels in allen Ländern. Zehn weitere – darunter Berlin und Hamburg – prüfen die Maßnahme. In fast allen Innenministerien heißt es, man werde an Kapazitätsgrenzen stoßen, die Urlaubssperre werde kommen müssen. Mehr als drei Millionen Fußballanhänger werden in Deutschland 2006 umherreisen, am Freitag begann die Verlosung der Eintrittskarten.

Als eines der ersten Bundesländer hat Bayern seine Polizisten über die WM-Urlaubssperre informiert. Auf „rund 32000“ Polizisten schätzt das Innenministerium die Zahl der Beamten, die allein in Bayern im Einsatz sein werden, „damit Dienststellen wegen der WM nicht dichtgemacht werden müssen“.

Auch in Berlin besteht „kaum ein Zweifel, dass die Sperre erfolgt“, sagen ranghohe Polizisten, die sich um die WM kümmern. Offiziell heißt es: „Wenn die Maßnahme erforderlich ist, sind alle 16000 Vollzugsbeamten betroffen.“ In Berlin finden neben der Eröffnungsfeier am 8. Juni sechs Spiele statt, darunter das Finale. Polizeikreise verweisen auf die besondere Sicherheitslage wegen des Regierungsviertels, der vielen Staatsgäste und der Großbildleinwände, vor denen sich jeden Abend tausende Fans versammeln werden. „Der normale Sommerbetrieb der Polizei reicht nicht aus“, heißt es.

Neben Bayern haben Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen eine Urlaubssperre während der WM 2006 verhängt, in Schleswig-Holstein wurden erste Einheiten informiert. Definitiv betroffen sind in allen Ländern Spezialeinheiten. „Die Urlaubssperre gilt für alle 9000 Beamten im Land, vom Hundeführer bis zum Hubschrauberpiloten“, sagte ein Ministeriumssprecher in Rheinland-Pfalz. Anders als bei Castor-Transporten oder als beim 1. Mai in Berlin können nur wenige Einheiten aus anderen Bundesländern angefordert werden. „Wir brauchen unsere Kräfte auch in kleineren Städten, wo nicht gespielt wird – auch dort stehen ja Leinwände“, sagte ein Ministeriumssprecher in Nordrhein- Westfalen. Zwar werde man keine WM- Urlaubssperre für alle 40000 Vollzugsbeamten verhängen, jedoch gehen hohe Polizeikreise in NRW von einem Bedarf von „weit über 20000 Polizisten aus“. Die Spiele können sich die Beamten nicht anschauen: In den zwölf WM-Stadien sollen private Sicherheitsdienste für Ordnung sorgen. Experten gehen von „bundesweit gut 10000 Mann“ aus.

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