Politik : Mehr als nur eine Geste

Jüdische Gemeinde und Muslime erwarten viel vom Treffen mit dem Papst: klare Worte und die Fortsetzung des Dialogs

Christian Böhme,Claudia Keller

Berlin - Der Papst kommt! Für viele Juden in Deutschland gehört das Ausrufezeichen dazu. Das Oberhaupt der katholischen Kirche besucht am Freitagvormittag die Kölner Synagoge in der Roonstraße – ein symbolträchtiges und historisches Großereignis. Aber damit nicht genug: Am Freitagabend trifft er Vertreter der evangelischen Kirche, am Sonnabend Muslime. Vor allem die muslimischen Verbände haben große Erwartungen an die Begegnung.

Mit Benedikt XVI. besucht – 60 Jahre nach Kriegsende und Schoa – zum ersten Mal ein deutscher Papst eine deutsche Synagoge. Eine Ehre, die nicht nur die Kölner Gemeindemitglieder stolz macht. Für den Papst ist es eine heikle Mission. Denn Deutschlands Juden erhoffen sich einiges vom deutschen Pontifex, vor allem klare Worte. Das gilt grundsätzlich für die Fortsetzung des jüdisch-katholischen Dialogs „auf gleicher Augenhöhe“, wie es Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden, formuliert. Eines ist dafür unerlässlich: Benedikt XVI. muss im jüdischen Gotteshaus dem Antisemitismus im Allgemeinen und dem christlichen Antijudaismus in der katholischen Kirche im Besonderen eine unmissverständliche Absage erteilen.

Nicht wenige Juden trauen dem Papst ein solch bedeutendes Gastgeschenk zu, ja sie rechnen fest damit. Vieles von dem, was sein Vorgänger Johannes Paul II. mit Blick auf das Judentum sagte und tat, ist von Kardinal Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation im Vatikan gedanklich vorbereitet worden: Karol Wojtylas Besuch der Synagoge in Rom (1986) und dessen Reise nach Israel (2000) gehören dazu wie die päpstliche Entschuldigung für das Fehlverhalten der Kirche während des Holocaust. Und Benedikt XVI. hat mehrfach angekündigt: „Meine Absicht ist es, auf diesem Weg weiterzugehen.“

Bischof Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, erwartet hingegen nicht viel von dem Treffen Ende der Woche. Es könne ein Impuls dabei herauskommen, mehr aber auch nicht. „Wir gehen auf eine Ökumene der Profile zu und nicht auf eine Ökumene der unterschiedslosen Gleichheit“, sagte Huber. Beim Kirchentag in Hannover vor drei Monaten hatte er betont, eine demokratisch aufgebaute Kirche wie die evangelische brauche sich nicht zu verstecken. Auch wollen sich die Protestanten nicht länger als neuzeitliche Abspaltung der einen römischen Kirche abwerten lassen. Man habe Anteil an der gesamten Geschichte der Christenheit. Der katholisch-evangelische Dialog stehe vor einer „Steilwand“, hat der Ökumene-Beauftragte des Papstes, Kardinal Walter Kasper, im Vorfeld des Weltjugendtages gesagt.

„Klarheit darüber, wie sich die katholische Kirche den künftigen Verlauf des Gesprächs mit den Muslimen vorstellt“, erwartet Mohammad Aman Hobohm, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. „Wir haben das Gefühl, dass von Seiten der katholischen Kirche Schwierigkeiten aufgetreten sind.“ Viele Muslime habe verletzt, dass ihnen der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, vergangenen Dezember Unehrlichkeit unterstellt habe. Lehmann hatte gesagt: „Manches wird heute aus taktischen Erwägungen formuliert.“

Man hoffe, dass der Papst einen anderen Ton in den Dialog bringe. Die Begegnung mit dem Papst sei ein wichtiger Schritt „auf dem Weg der Anerkennung der Muslime in Deutschland“, heißt es bei der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), die das Treffen initiiert hat. „Wir wollen nicht mehr länger nur einen Gaststatus haben.“

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