Politik : Mehr als nur Fußball

Von Clemens Wergin

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Vor dem WM-Finale hat Italiens Nationalcoach Marcello Lippi gesagt, das hungrigere Team würde gewinnen. Vielleicht waren Italiens Fußballer tatsächlich hungriger. Vielleicht haben sie aber auch gewonnen, weil sie wussten, dass keine Nation in Europa einen WM-Sieg so nötig hatte wie die ihre.

Der Tod des Polizisten in Catania zeigt, dass Italiens Fußballmilieu heute das gefährlichste in Europa ist, weil sich Hooligans und mafiöse Kriminelle im Weichbild des Fußballs austoben. Man sollte nun nicht den Fehler machen, im Guten wie im Schlechten vom Fußball auf eine ganze Nation zu schließen. Wer aber öfter in Italien ist, dem fällt auf, dass das Land in den vergangenen Jahren zu einem der depressivsten des Kontinents geworden ist. Italien ist der kranke Mann Europas, auch deshalb wurde der WM- Sieg so überschwänglich gefeiert.

Die ganz untypische Griesgrämigkeit hat einen Grund. Italien ist das Land in Europa, welches am ehesten von der Globalisierung abgehängt zu werden droht. In den 50ern und 60ern war Italien wegen seiner niedrigen Löhne das China Europas. Und auch in den 70ern und 80ern blieb Italien wirtschaftlich einigermaßen stabil, weil die ständige Abwertung der Lira die Arbeitskosten niedrig hielt. In einem Markt, der im Kalten Krieg vor allem Europa und andere westliche Marktwirtschaften umfasste, war die Konkurrenz auch nicht sonderlich hart, so dass das Land selbst ein korruptes politisches System gut wegsteckte, in dem hinter der Fassade ständiger Regierungswechsel bleierne Bewegungslosigkeit herrschte.

Das geht heute nicht mehr. Die weitgehend reformunfähige Politik, der aufgeblähte Staatsapparat, besonders unbewegliche Gewerkschaften und ein Euro, den man nicht mehr einfach abwerten kann (und dessen Wert seit Einführung gegenüber dem Dollar kräftig stieg) haben den Kostenvorteil Italiens zunichte gemacht. Allein die Lohnstückkosten sind in den letzten vier Jahren um 30 Prozent gestiegen, während sie in Deutschland relativ stabil blieben. Die überwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen, einst Garant des italienischen Wirtschaftswunders, tun sich heute schwer, international mitzuhalten. Anders etwa als Deutschland hat Italien auch kaum Global Player aufzuweisen, besonders leidet darunter der Industriesektor. Deshalb gehört Italiens Wirtschaftswachstum seit Jahren zu den niedrigsten der EU.

Das Bel Paese befindet sich in der „Wettbewerbszange“. Einerseits sind die Arbeitskosten zu hoch, als dass man mit China oder Tschechien konkurrieren könnte. Andererseits kann Italien auch nicht mit den Hightech-Nationen mithalten, weil Staat und Unternehmen seit Jahrzehnten zu wenig in Forschung und Entwicklung investieren. Zudem wurde durch die Ära Berlusconi ein altes italienisches Problem, die Regelverletzung, wieder salonfähig. Wenn man in den fürchterlichen Fanausschreitungen auf Sizilien ein Prinzip erkennen möchte, dann das: In einem Land, in dem seit Berlusconi wieder gilt, wer mächtig ist, ist gleicher als die anderen, mussten sich eben auch die wichtigen Fußballclubs nicht an Auflagen halten. Und die Polizei hat der seit Jahren zu beobachtenden Verrohung in den Stadien nichts entgegensetzen können.

Sich nicht an staatliche Regeln zu halten, ist für viele Italiener ein Akt der Notwehr gegen eine übermächtige Bürokratie, sodass etwa Steuerhinterziehung von Selbstständigen allgemein akzeptiert wird. Eine Kehrseite davon ist, dass sich auch Unternehmen relativ wenig um Wettbewerbsregeln kümmern und Italiener für Strom, Handy und andere Produkte oder Dienstleistungen weit mehr bezahlen als andere Europäer.

Der gewalttätige Mob vom Wochenende mag ein fußballspezifisches Problem sein. Tatsache ist aber, dass das Land wirtschaftlich an Boden verliert, eine gigantische Staatsverschuldung aufweist, die Mittelschicht vom Abstieg bedroht ist und die Politik enormen Reformbedarf vor sich herschiebt. Die Italiener sind auf dem Weg, die ersten wirklichen Globalisierungverlierer Europas zu werden – kein Wunder, dass das Land einem Kochtopf gleicht, der unter Druck steht.

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