Mehr deutsche Firmnen : Niebels Idee von Entwicklungshilfe

06.01.2011 12:39 UhrVon Lissy Kaufmann
Foto: Mike Wolff Foto: Mike Wolff, TSP
Foto: Mike Wolff - Foto: Mike Wolff, TSP

Der Minister für Entwicklungshilfe, Dirk Niebel, will mehr deutsche Firmen in armen Ländern unterstützen und auf diese Art Entwicklungshilfe leisten. Ein Unternehmer aus Hessen setzt das Modell um.

Berlin - Gerd Meyer-Philippi ist ein Entwicklungshelfer, wie ihn sich das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wünscht: Als Geschäftsführer pendelt er zwischen dem hessischen Gernsheim, Indien, Nepal und Malaysia und denkt dabei nicht nur an das Wohl seiner eigenen Firma, sondern auch an das der Menschen. In den südostasiatischen Ländern etabliert er seit 2008 mithilfe der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sein Produkt Medosys. Das IT-basierte Dokumentations- und Dosiersystem zur Methadon-Substitution für Drogenabhängige hilft Ärzten, für jeden Patienten die individuelle Dosis aus dem Automaten zu lassen.

Das BMZ unterstützt Compware Medical finanziell. Public-Private-Partnership (PPP) nennt sich diese Zusammenarbeit zwischen Privatwirtschaft und Staat.

Das BMZ hat sich seit dem Amtsantritt von Dirk Niebel im Oktober 2009 zum Ziel gesetzt, diese Art der Entwicklungsarbeit zu verstärken. Von 48 Millionen Euro im Jahr 2009 stieg der Etat für Entwicklungspartnerschaften deshalb auf 60 Millionen im Jahr 2010. Niebel sagte dazu kürzlich: „Weltweit gilt: Nur gemeinsam mit der Wirtschaft kann es gelingen, Wachstum und Entwicklung anzustoßen. Deshalb wollen wir die entwicklungspolitische Arbeit und das Engagement der deutschen Wirtschaft besser verzahnen.“

Grundsätzlich befürworten Experten diese Zusammenarbeit. Doch profitieren Menschen davon oder versteckt sich dahinter Außenwirtschaftsförderung? Eine Frage, die sich nicht nur Professor Walter Eberlei von der Fachhochschule Düsseldorf, sondern auch die Hilfsorganisationen Terre des Hommes und die Welthungerhilfe im Schattenbericht „Die Wirklichkeit der Entwicklungshilfe 2010“ stellen. „Wenn die Zusammenarbeit nur oder weit überwiegend der Exportförderung deutscher Unternehmen dient, dann ist das abzulehnen“, sagt Eberlei.

Ob ein PPP-Projekt vom Staat gefördert wird, entscheiden entweder die GIZ oder das Hilfswerk der deutschen Wirtschaft Sequa oder die KfW-Tochter Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG). Die öffentlichen und privaten Beiträge müssen sich ergänzen, und der private Partner darf sein Vorhaben nicht ohne staatliche Unterstützung durchführen können. Das Unternehmen muss mindestens die Hälfte der Kosten übernehmen. Im Fall von Compware Medical sind das 500 000 Euro. Mit den staatlichen Geldern werden Substitutionsmediziner aus Deutschland finanziert, die vorübergehend in den Krankenhäusern vor Ort arbeiten. „Als kleines mittelständisches Unternehmen nach Asien zu gehen ist eine riesige Unternehmung“, sagt Meyer-Philippi, „alleine wäre das für uns nicht zu stemmen gewesen.“

Dass mit der Entwicklungsarbeit Geschäftsaussichten verbunden sind, ist vom BMZ gewollt. Auch Gerd Meyer-Philippi hofft, mit seinem Produkt in Asien Geld verdienen zu können. „Asien ist der aufstrebende Markt, gerade für unseren Bereich“, sagt er. Gleichzeitig ist er aber auch der Meinung, dass Unternehmen einen Teil ihres Wohlstandes abgeben sollten. Gerade von einem Land wie Nepal erwartet er keinen wirtschaftlichen Nutzen.

Die Autoren des Schattenberichts kritisieren die regionale Verteilung der Projekte. So investierten deutsche Unternehmen eher dort, wo Arbeitskräfte qualifiziert sind, wo es Rechtssicherheit gibt und die Absatzmärkte interessant erscheinen. „Gerade für die fragilen Staaten Afrikas treffen diese Kriterien kaum zu“, heißt es in dem Bericht. Problematisch ist auch, dass keine unabhängige Institution den Nutzen der Projekte überprüft. „Ich zweifle daran, dass die staatlichen Partnerorganisationen genau überprüfen, ob die Zusammenarbeit sinnvoll ist oder nicht“, sagt Eberlei. Tilmann Altenburg vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik vermutet, dass sich die Firmen „nicht auf die Finger schauen lassen wollen. Eine öffentliche Kontrolle würde die Unternehmen abschrecken“.

Gerd Meyer-Philippi ist sich sicher, dass er Gutes tut. Mit Medosys werden in Nepal und Malaysia sieben Ambulanzen, ein Krankenhaus und ein Gefängnis versorgt. Neben den 30 Mitarbeitern in Deutschland und in der Niederlassung in der Schweiz arbeiten für Compware Medical auch vor Ort mehrere IT-Spezialisten, zwei davon ständig. Da das Projekt in Südostasien so gut ankommt, wird Meyer-Philippi Medosys nun auch in Zentralasien etablieren. 250 000 Euro investiert seine Firma in die neuen Projekte. Und die GIZ wird Compware Medical für ein weiteres Jahr mit Geld und Expertise zur Seite stehen.

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