• Mehr Kreativität – Politik nimmt sich Einstein als Vorbild Wissenschaftler wünschen sich eine neue Kultur für Bildung und Forschung

Politik : Mehr Kreativität – Politik nimmt sich Einstein als Vorbild Wissenschaftler wünschen sich eine neue Kultur für Bildung und Forschung

Dorothee Nolte,Thomas de Padova

Berlin - Zum offiziellen Auftakt des Einstein-Jahres haben Wissenschaftler und Politiker die Bedeutung von Kreativität und Freiheit in Bildung und Wissenschaft betont. Der Fall des Jahrhundertgenies Einstein zeige, dass sich „Freude am Denken und Neugierde lohnen“, sagte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) dem Tagesspiegel. Seine einzigartige Lebensgeschichte beweise, dass man dazu bereit sein müsse, seinen Horizont zu erweitern und keine Angst vor neuen Erfahrungen zu haben.

Kanzler Gerhard Schröder (SPD) regte eine neue Kultur der Wissenschaft in Deutschland an. Wissenschaft solle im Alltag selbstverständlicher werden, sagte er beim Festakt zum Beginn des Einstein- Jahres im Deutschen Historischen Museum. Ihr gebühre in einer modernen Wissensgesellschaft eine stärkere Wahrnehmung und ein höherer Stellenwert. „Die Älteren unter uns können wahrscheinlich wie ich alle Spieler aufzählen, die 1954 in Bern Fußball-Weltmeister wurden. Aber könnten wir auch elf deutsche Naturwissenschaftler nennen, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen Nobelpreis erhalten haben?“, fragte der Kanzler. Er würdigte den Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein (1879 bis 1955) sowohl als glänzenden Naturwissenschaftler als auch als leidenschaftlichen Demokraten mit einem ausgeprägten Sinn für soziale Gerechtigkeit. Schröder verlangte eine stärkere Einmischung von Wissenschaftlern in politische Debatten.

In einer Tagesspiegel-Umfrage bezeichneten Politiker und Wissenschaftler Einstein als ein Beispiel dafür, wie wichtig Fantasie, Kreativität und Querdenken für die Entwicklung von Wissenschaft und Gesellschaft seien. Für Johanna Wanka (CDU), Präsidentin der Kultusministerkonferenz, zeigt das Beispiel Einsteins die Bedeutung von Freiheit, Fantasie und Neugier für ein erfolgreiches Schulleben und für erfolgreiche Forschung. In der Wissensgesellschaft sei es die Hauptaufgabe von Schulen und Universitäten, „die Freude am Schauen und Suchen zu fördern und zu erhalten“. Gerade heutzutage sei die Aussage Einsteins hochaktuell, dass Fantasie wichtiger sei als Wissen, denn die sinkende Halbwertzeit des Wissens sei offensichtlich. Bildung bedeute heute den Umgang mit Wissen und seinen Veränderungen, Offenheit für Neues und Fantasie. „Dann können unsere Kinder bestehen, wie sich die Bedingungen auch verändern mögen.“

Auch Peter Gaehtgens, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, sieht durch Einsteins Beispiel bestätigt, dass „Kreativität ein wichtiges Element aller Bildungsanstrengungen“ ist. Die Universitäten bräuchten dafür größtmöglichen Freiraum und Flexibilität. „Es darf keine bürokratischen Einengungen geben, die Querdenker stoppen.“ Geld oder Gesetze allein reichten nicht aus, um den Boden zu bereiten, auf dem sich kreative Geister wie Einstein entfalten könnten, sagte der Präsident der Humboldt-Universität Jürgen Mlynek: „Auf die richtigen Köpfe und die richtige Mentalität kommt es an. Wir brauchen mehr Mut zum Querdenken und größere Freiräume jenseits unmittelbarer Nützlichkeitserwägungen.“

Die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Katherina Reiche, forderte ein „Klima der Freiheit von Forschung und Lehre“. Im Moment herrsche Zögerlichkeit und Pessimismus, den politischen Eliten mangele es an Mut und Zukunftsoptimismus. „Wer grüne Gentechnik und Kerntechnik verteufelt, schafft ein Klima, in dem sich auch andere Forschung nicht mehr zu Hause fühlt.“

Das Einstein-Jahr 2005 wurde am Mittwochabend vor rund 800 geladenen Gästen im Deutschen Historischen Museum in Berlin eröffnet. Es war der Auftakt zu zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungen, die 100 Jahre nach Einsteins wissenschaftlichem „Wunderjahr“ 1905 und 50 Jahre nach seinem Tod an Leben und Werk des Genies erinnern sollen. Als Höhepunkt kommen im März mehr als 6000 Forscher zur bislang größten Physikertagung in Europa nach Berlin.

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