Politik : Mehr Licht

Jürgen Zurheide

Ludwig Erhard hätte mehrfach Beifall gespendet. Als Bärbel Höhn davon spricht, dass sich die Bauern stärker am Markt orientieren müssen, hätte der Urvater der Marktwirtschaft die nordrhein-westfälische Umwelt- und Verbraucherministerin gewiss ermuntert, fortzufahren. Wenn sie den bäuerlichen Berufsstand davor warnt, trotz reichlich fließender Subventionsmilliarden auf Billigprodukte zu setzen, hätte Erhard ebenfalls genickt. "Die Bauern haben doch erlebt", erinnert Bärbel Höhn an noch nicht lange zurückliegende Zeiten, "wie ihr Absatz während der BSE-Krise zurückging, weil das Vertrauen der Verbraucher plötzlich geschwunden ist". In diesem Zusammenhang zieht die Düsseldorfer Ministerin dann allerdings die Stirn in Falten, denn gegenwärtig hat sie den Eindruck, dass die Bauernfunktionäre das längst verdrängt haben und manch einer die ganze Krise inzwischen als Medienhysterie abtut.

"Bei den Verbänden herrscht wieder das Motto: Alles kann so bleiben, wie es war", sagt Bärbel Höhn. Gegen die Verkürzung der Transportzeiten für Schlachtvieh auf vier Stunden regt sich Widerstand. Auch von einer strengeren Kontrolle der Futtermittel und einem deutlich reduzierten Einsatz von Medikamenten im Stall will die Branche plötzlich nichts mehr wissen. Und gegen ihren neuen Erlass für die Schweinehaltung laufen die Funktionäre inzwischen Sturm. Bärbel Höhn hatte durchgesetzt, dass es in Schweinställen künftig auch Tageslicht geben muss und die Tiere deutlich mehr Platz erhalten, als in der Vergangenheit. Der Bauernverband in Westfalen-Lippe fürchtet um die Wettbewerbsfähigkeit. "Mit BSE und MKS ist die Tierhaltung insgesamt auf den Prüfstand gekommen und wir ziehen die Konsequenzen, damit das neue Vertrauen der Verbraucher nicht schon bald wieder verloren geht", wirbt Bärbel Höhn, aber sie spürt, dass sie mit ihren Argumenten viel weniger durchdringt, als noch vor einem Jahr. Trotzdem bleibt sie dabei: "Wenn wir als Gesellschaft so viel Geld in die Landwirtschaft stecken, muss dafür hohe Qualität geliefert werden".

Manche Bauernfunktionäre predigen dagegen längst wieder die alte Botschaft: Sie wollen die heimischen Bauern auf den Weltmarkt hin orientieren, also mit Hilfe von weitgehend mechanischen Produktionsverfahren den Preis ständig weiter drücken. Diese Sicht der Lobby hält Michael Lohse, Sprecher des Deutschen Bauernverbands (DBV) allerdings für verfehlt. Schließlich setze sich Bauernpräsident Gerd Sonnleitner auf europäischer Ebene vehement für den Tierschutz im Stall ein. Probleme hätten die Bauern nur, wenn Verordnungen wie etwa zur Schweinehaltung nur in einem Bundesland eingeführt würden und sie deshalb wirtschaftliche Nachteile erleiden müssten.

Bärbel Höhn dagegen sagt: "Das ist ein Irrweg, denn wir werden es nie schaffen, mit den Beitrittskandidaten für die Europäische Union im Osten um den jeweils niedrigsten Preis zu konkurrieren, wir müssen uns im Qualitätswettbewerb durchsetzen." Sie will gemeinsam mit den Verbraucherzentralen eine Kampagne starten und versuchen, die Kunden trotz der gegenwärtigen Schockpreis-Angebote der großen Handelsketten davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, nicht nur für das Auto, sondern auch für Lebensmittel Geld auszugeben.

Sie setzt dabei nicht nur auf die auch an Rhein und Ruhr ständig größer werdende Schar an ökologisch produzierenden Betrieben: "Ich wünsche mir auch ein breites Bündnis zwischen den konventionell arbeitenden Landwirten, Verbraucherschützern und Ökologen". Sie will neue Qualitätszeichen mit deren Hilfe etablieren. "Solche Qualitätszeichen helfen dem Verbraucher mehr, als wenn es eine Branche alleine versucht", ist Höhn überzeugt.

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