Politik : Mehr Vernetzung zum Schutz der Kinder

Moritz Gathmann

Berlin - Um Kinder in Deutschland vor Missbrauch zu schützen, müssen sich Gesundheitswesen, Jugendhilfe, Familiengericht, Polizei und Schulen besser vernetzen. Das forderte die „Bundesstiftung Kinderzukunftsnetz“ am Mittwoch in Berlin.

In 80 Prozent der Missbrauchsfälle sei eine Gefährdung schon zum Zeitpunkt der Geburt vorhersehbar, sagte Wilfried Kratzsch, Kinderarzt und Initiator der Stiftung. Trotzdem würden mindestens 30 000 Kinder und Jugendliche eines Jahrgangs von ihren Eltern brutal geschlagen oder misshandelt. Dafür, sagte Kratzsch, seien nicht mangelnde Ressourcen verantwortlich – mittlerweile gebe es deutschlandweit 200 bis 300 Präventionsprojekte –, sondern „die unzureichende Kooperation und Vernetzung der Beteiligten“.

Bis Ende 2008 will man erreichen, dass die Frequenz der Vorsorgeuntersuchungen für Kinder erhöht wird. Bisher gibt es neun Untersuchungen, davon allein sechs im ersten Lebensjahr. Die Untersuchungen müssten zudem verbindlich sein. In Nordrhein-Westfalen will die Initiative ein flächendeckendes Netz früher Hilfen im Gesundheitswesen aufbauen, das als Modell für andere Bundesländer dienen soll.

Ein Beispiel für die Vernetzung ist das Projekt Riskid, das der Duisburger Kinderarzt Ralf Kownatzki initiiert hat. Gibt es bei einem Kind den Verdacht auf Missbrauch, kann der Arzt in einer Datenbank überprüfen, ob es schon bei anderen Ärzten auffällig geworden ist. „Dadurch verhindern wir das sogenannte Ärzte-Hopping, mit dem Eltern den Missbrauch ihrer Kinder vertuschen“, sagte Kownatzki. Das Projekt sei bisher auf Duisburg begrenzt, solle aber auf die ganze Bundesrepublik ausgeweitet werden.

Der Berliner Richter Lothar Jünemann wies auf die Verbindungslinie zwischen der momentan viel diskutierten Jugendgewalt und den eigenen Erfahrungen der Jugendlichen in ihrer Kindheit hin: „Die Schläger von heute sind die Geschlagenen von gestern.“

Die „Bundesstiftung Kinderzukunftsnetz“ wurde im November 2007 gegründet und begreift sich als politisch unabhängiges Kompetenznetzwerk. Es vereint Beteiligte aus der Jugendhilfe und Polizei, Ärzte, Richter und Hebammen. Die Früherkennung von Risiken und die Vernetzung von Hilfen gehörten zu den Forderungen des von der Bundeskanzlerin initiierten „Kindernotgipfels“ Ende 2007 in Berlin.Moritz Gathmann

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