Politik : Mehr Wert

Von Peter von Becker

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Von den Werten unserer Kultur, Gesellschaft, Zivilisation wird wieder gesprochen. Nicht, dass zuvor die völlige Wertfreiheit geherrscht hätte. Aber auffällig ist, dass im jetzt zu Ende gehenden Jahr die Sehnsucht nach verbindenden oder gar verbindlichen Werten in vielen Fällen so deutlich spürbar war wie lange nicht mehr. Das zeigte sich im Frühjahr auf dem Petersplatz in Rom, wo es vielen jungen Leuten gewiss weniger um den strengen Glauben ging als um den Spirit: um einen nicht nur materiell begründeten Geist der Gemeinschaft. Und in Deutschland haben die Christdemokraten die schon gewonnen geglaubte Bundestagswahl auch deswegen beinahe verloren, weil sie zu wenig von sozialen Werten bestimmt zu sein schienen.

Neben dem großen Zeitgeist sind es oft punktuelle Anstöße, die nach Werten und den sie verkörpernden Tugenden rufen lassen. Angesichts der Pisa-Studien liegt es nahe, auch so vermeintlich altmodische Begriffe wie Fleiß und Disziplin neu zu beschwören; der Mannesmann-Prozess und die rotlichtige Volkswagen-Affäre machen das schlichte Wort Anstand wieder zu einem Schlüsselbegriff. Auch von der Politik werden, nicht nur bei Neujahrsbotschaften, mehr programmatischer Überbau und ethische Grundierung erwartet. Zwar gibt es in der neuen Bundesregierung einen durchaus sympathischen Hang zum wohltemperierten Pragmatismus. Doch muss der kein Freibrief für Politiker sein, nun überhaupt keinen Gedanken mehr zu äußern. Zum Beispiel als Bundespräsident bei einer Weihnachtsansprache.

Begibt sich die Politik in der offenen Demokratie in eine explizite Wertedebatte, hat sie freilich ein Grundproblem. Der liberale Staat der westlichen Moderne ist von den Wertentscheidungen der Aufklärung, von den universellen Menschenrechten geprägt. Trotzdem versteht er sich in weiten Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens als moralisch tolerant und eher wertneutral. Das macht, wie in der Auseinandersetzung mit religiösen Fundamentalisten, seine Stärke wie seine Schwäche aus. Eine „geistig-moralische Wende“ als Regierungsmotto war schon unter Helmut Kohl nur eine Hohlformel. Und die gerade wieder vom Bundestagspräsidenten verbrämt beschworene deutsche „Leitkultur“ lässt sich nicht von oben verordnen.

Die Werte der an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit orientierten Aufklärung, das Prinzip der Wahrhaftigkeit und das Nächstenliebe-Gebot der jüdisch-christlichen Kultur, sie müssen vor allem gelebte Realität sein. Dafür schaffen Gesetze und gewählte Politiker bloß die Rahmenbedingungen. Wo nötig, sind diese auch vom Staat durchzusetzen – etwa bei der Integration hier dauerhaft lebender Menschen aus anderen Kulturen. Allerdings müssen die Werte der Mehrheitskultur dann auch so herausfordernd attraktiv, so weltoffen und zugleich selbstbewusst wirken, dass sie ihren eigenen, stärkeren Sog entfachen. Wer von Leitkultur überhaupt reden und Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ reiten muss, wirkt da eher verkrampft als souverän.

Debatten über die „Rückkehr der Werte“ sind also zuallererst in der Gesellschaft, in den Medien, unter den Bürgern und in ihren Institutionen, in den Schulen, zu führen. Zur Gesellschaft gehört freilich auch die Wirtschaft. Im Zuge der Globalisierung wirkten ihre Lenker bisweilen schon überirdisch transkontinental entrückt. Josef Ackermann von der Deutschen Bank hat bekanntlich beklagt, dass gerade in Deutschland Menschen, „die Werte schaffen“, missachtet oder verfolgt würden. Diese Klage wäre berechtigt – wenn „Werte“ hier nicht bloß den Shareholder Value, die Aktienkurse meinten. Niemand erwartet zwar von den Türmen der Deutschen Bank die Bergpredigt. Aber die Zivilgesellschaft, die Verantwortung für die mitarbeitenden Menschen und die bürgerliche, den Kapitalismus überhaupt nur ermöglichende Gemeinschaft betrifft auch die großen Kapitalgesellschaften. Deshalb wird die Sozialbilanz von Unternehmen in Zukunft wieder an Bedeutung gewinnen. Als nachhaltiger Gewinn. Und weil Werte nie wertfrei zu schöpfen sind.

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