Politik : Mehrheit für den Wandel Jeder zweite Russe will nicht, dass sich Putin

noch ein weiteres Mal zur Wahl stellt.

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Moskau - Mehr als die Hälfte der Russen – immerhin 56 Prozent – möchte nicht, dass Wladimir Putin bei den nächsten Präsidentenwahlen 2018 erneut ins Rennen geht. Das ist das Ergebnis der jüngsten Umfragen des Lewada-Zentrums, wo unabhängige Soziologen die letzte Stellung kritischer Meinungsforschung in Russland verteidigen. So groß war der Anteil derer, die Putin nicht mehr im Kreml sehen wollen, noch nie: Selbst als die Massenproteste wegen der manipulierten Dumawahlen Ende 2011 ihren Höhepunkt erreichten, wollte nur jeder Dritte auf dem Chefsessel im Kreml einen neuen Mann sehen.

Es war nicht die einzige Hiobsbotschaft für den Kremlherrscher. Auch bei der Vertrauensfrage senkte die Nation den Daumen. Im Mai 2008, als Wladimir Putin die Zügel der Macht formell und auf Zeit in die Hände von Dmitri Medwedew legte, genoss Putin laut der Lewada-Umfrage bei 28 Prozent „absolutes‘“ und bei 56 Prozent „mehr oder minder“ großes Vertrauen. Jetzt schnurrten die Werte auf sieben bzw. 50 Prozent zusammen. Gleichzeitig stieg der Anteil jener, die dem Präsidenten eher nicht mehr vertrauen, von zehn auf 25 Prozent. Die Umfragen finden jährlich statt, seit Putin im März 2000 erstmals zum Präsidenten gewählt wurde. Besonders alarmierend: Der Abwärtstrend verstärkte sich von Mal zu Mal.

Ihren Liebesentzug begründeten 68 Prozent der Befragten damit, dass Putin nicht die Interessen kleiner Leute, sondern die des Großkapitals und der Beamten vertritt. Regimekritiker, warnten die Experten, sollten daraus jedoch keine voreiligen Schlussfolgerungen ziehen. Die soziale Kälte, die die Nation Putin so übel ankreidet, sei auch der Hauptgrund für das Scheitern der Protestbewegung gewesen.

Auch seien Putins Zustimmungsraten mit 57 Prozent nach wie vor relativ hoch. Den scheinbaren Widerspruch – fast ebenso viele vertrauen Putin nicht mehr und wollen dessen erneute Kandidatur verhindern – erklären die Forscher vor allem damit, dass die Mehrheit derzeit keine Alternativen sieht. Elke Windisch

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