Politik : Meilen von Fans

Von Elisabeth Binder

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Berlin lebt. An diesem Wochenende ist das wieder ganz besonders intensiv zu spüren. Beim Karneval der Kulturen feiern Berliner aller Nationen die ethnische Vielfalt der Stadt. Der Maxime „Lebe wild und farbenfroh“ kann man in Deutschland nirgendwo besser folgen als hier. Gleichzeitig wird es zum Endspiel um den DFB-Pokal ein Comeback der Fanmeile geben. Geboren aus unendlich vielen Vorbehalten, wurde sie im vergangenen Jahr zum Triumphzeichen der Fußball-WM. Die Welt war zu Gast bei Freunden und fühlte sich wohl. Erstaunlich wohl. Gigantisch wohl. Das war das Wunder von Berlin, das sich in seiner ganzen Dimension erst am Ende des Fußballmärchens entfaltete, als klar war, dass alles gut und friedlich ausgegangen ist, dass die Deutschen sich unter dem Dirigat eines extrem sonnig gestimmten Wettergottes vier Wochen lang von ihrer nettesten Seite zeigen durften. Von einer Seite, die die Welt so gar nicht kannte und ausgerechnet im sonst so rauen Berlin auch nie vermutet hätte.

Berlin lebt, sehr intensiv. Und Berlin kann man sich leisten. New York war immer die vorbildliche große Schwester. Wer heute in New York ein Hotelzimmer sucht, bezahlt dort für eine hostelähnliche Behausung unter Umständen mehr als in Berlin im Vier-Sterne-Haus. Restaurantrechnungen an der Spree finden Amerikaner sogar bei einem für sie äußerst ungünstigen Dollarkurs verblüffend billig. Es gibt eine unglaubliche Vielfalt verrückter Geschäfte voller fantasievoller Kleidung zu kleinen Preisen. Gerade hat das kultige MoMA, das „Museum of Modern Arts“, 80 Objekte von jungen Berliner Designern in sein Angebot aufgenommen. Der Regierende Bürgermeister war beim Verkaufsstart dabei, weil er die Bedeutung dieser Aktion sowohl fürs Image als auch fürs Einkommen richtig erkannt hat. Umgekehrt übersiedeln immer mehr Künstler aus New York nach Berlin, um ein neues, bezahlbares Leben zu finden. Kreativität entsteht nicht da, wo es teuer ist, sondern dort, wo man gut und günstig leben kann.

Berlin vibriert. Das macht es attraktiv für die globale Boheme: Die vielen Clubs mit allen nur denkbaren Musikrichtungen, Mengen von Restaurants, die keinen vorstellbaren Appetit übergehen, der grüne Strand der Spree, der im Sommer lässig unter bunt gestreiften Liegestühlen liegt. Die ganze Vielfalt.

Berlin ist aufregend. Das ist immer wieder zu hören, wenn man anderswo ist. Die Amerikaner mit ihrem gnadenlos positiven Denken predigen das seit Jahren. Hinzu kamen mehr und mehr Italiener, Engländer, Russen, Chinesen. Seit der WM letzten Sommer schauen auch die anderen Völker der Welt mit neuen Augen auf diese Stadt. Sie kommen gern hierher. Die Welt zu Gast bei Freunden – und Berlin hat Freunde. Vier der umsatzstärksten Hotels des Landes befinden sich hier.

Berlin macht Spaß. Die New Yorker sind Weltmeister im Mythen-Schaffen. Von ihnen kann man lernen. Für eine Imagekampagne ist es wirklich allerhöchste Zeit. Sie muss kommen, solange die Bilder vom vergangenen Sommer noch präsent sind, jetzt vielleicht neue, ähnlich fröhliche hinzukommen und die Kulturen ausgelassen feiern.

Bedenkenträger dürfen Pause machen und sich mit bunten Cocktails neuen Mut antrinken. Kreative vereinen sich mit Auswärtigen in einer realistischen Berlin-Begeisterung. Die muss jetzt noch auf einen Begriff gebracht werden. „Berlin – Stadt des Wandels“ ist gar nicht schlecht, „Berlin geht’s gut“ wäre natürlich besser. Ein wenig Optimismus kann nicht schaden.

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