Politik : Mein Freund der Feind

Nordirland hat jetzt eine eigene Koalitionsregierung – und beendet einen uralten Konflikt

Martin Alioth[Dublin]

Im gediegenen Plenarsaal des nordirischen Parlaments im Belfaster Stadtteil Stormont haben ehemalige Erzfeinde am Dienstag den Amtseid geleistet: Der 81-jährige Pfarrer Ian Paisley und der ehemalige IRA-Kommandant Martin McGuinness verpflichteten sich als erste auf Gewaltlosigkeit und Gleichberechtigung, sie gelobten, Polizei und Justiz zu unterstützen und das Gemeinwohl zu verteidigen. Die neue nordirische Koalitionsregierung hat damit die Verantwortung für die Regierungsgeschäfte formell von britischen Ministern übernommen. Viele Ehrengäste bezeugten bei dem Zeremoniell das Ende eines uralten Konflikts.

Die Atmosphäre im Zuckerbäcker-Palast von Stormont war von erfrischender administrativer Banalität und Bonhomie gekennzeichnet. Der Beweis dafür, dass eine neue Zeit begonnen hatte, kam schon ein paar Minuten früher: Zum ersten Mal überhaupt wählten die Abgeordneten ihren eigenen Parlamentspräsidenten – bisher hatte stets der Nordirlandminister das Amt per Edikt besetzt, weil sich die Einheimischen nicht einigen konnten. Diesmal aber wurde ein Parteigänger Paisleys ohne Gegenstimme erkoren. Dabei gab Paisley selbst einen Einblick in die neuartige Erwartung von Stabilität, als er verkündete, in vier Jahren werde er dafür einen Vertreter der IRA-nahen Sinn-Fein-Partei für die Würde des „Speakers“ unterstützen. Die neue Regierung enthält Minister aus vier Parteien, bestimmt nach Maßgabe der Fraktionsstärken. Aber Paisleys protestantische Democratic Unionist Party und Sinn Fein unter Führung von Gerry Adams dominieren das Kabinett.

Der britische und der irische Premierminister, Tony Blair und Bertie Ahern, schauten der Vereidigung von der Besuchergalerie aus zu. Später tranken sie Tee mit den neuen Machthabern in Belfast. Für beide Premierminister stellt die Rückkehr Nordirlands zur Selbstverwaltung die Krönung ihrer zehnjährigen Amtsperiode dar. Beide haben mit unermüdlichem Einsatz dafür gekämpft. Blair wird in dieser Woche seinen Abgang bekannt geben, Ahern muss sich in zwei Wochen seinen Wählern stellen – mit ungewissem Ausgang. Eine prominente US-Delegation unter Führung von Senator Edward Kennedy unterstrich den wohltuenden Einfluss auf den Friedensprozess von jenseits des Atlantiks.

Die „Irish Times“ titelte am Dienstag: „Zeremonie in Stormont bezeugt das Ende des Nordirlandkonflikts“. Diese schlichte Behauptung fand breite Zustimmung. Pfarrer Paisley fasste den Erfolg prägnant, aber ohne Übertreibung zusammen: „Komme, was da wolle: Wir werden eine Gesellschaft aufbauen, in der alle Männer und Frauen vor dem Gesetz gleich sind, aber alle dem Gesetz auch gleichermaßen unterworfen.“ Ein Ende der Diskriminierung also, aber auch ein Ende willkürlicher Gewalt, 38 Jahre nach Ausbruch des offenen Konflikts, neun Jahre, nachdem die Einigung auf dem Papier erzielt worden war.

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