Politik : „Mein Hauptwohnsitz bleibt Berlin“

Ex-Außenminister Fischer taucht bei der Grünen-Klausur in Wörlitz auf – und rechnet mit den Medien ab

H. Monath[Wörlitz],Ch. Schmidt-Lunau[Wi]

Das dramatischste Ereignis der zweitägigen Grünen-Fraktionsklausur in Wörlitz stand nicht auf der Tagesordnung. Längst hatten die Abgeordneten hinter verschlossenen Türen mit der politischen Aussprache begonnen, als Joschka Fischer mit der für Stars üblichen Verspätung und einer erheblichen Wut im Bauch am Steuer eines schwarzen Audi A 6 auf dem Hotelparkplatz vorfuhr. Verärgert hatte den Ex-Außenminister die Titelseite der „Bild“-Zeitung, die am Mittwoch mit dicken Lettern verkündete: „Joschka Fischer wandert aus!“, und behauptete: „Er geht mit seiner Ehefrau Minu nach Amerika und plant eine neue Karriere.“

Erst raunzte der lange abgetauchte Machtpolitiker eine „Bild“-Journalistin an („Sie haben mir gerade noch gefehlt“), dann versprach er Fernseh- und Hörfunkteams ein Statement und zog sich kurz zurück. Wenig später donnerte der grauhaarige Exminister eine Philippika in Kameras und Mikrofone, wie man sie eher von Fußballtrainern als von Politikern gewohnt ist. Im Gegensatz etwa zu Giovanni Trappatoni machte Fischer seine Punkte aber unmissverständlich und in schneidend scharfer Sprache deutlich.

„Was Sie lesen, kann ich Ihnen nicht bestätigen“, hob der Grünenpolitiker an. Er habe weder die Absicht auszuwandern („mein Hauptwohnsitz ist und bleibt Berlin“), noch werde er in Harvard Professor. Die Meldung vom Wechsel an eine amerikanische Elite-Uni, die zuerst der „Stern“ verbreitet hatte, hätte einen steilen Aufstieg des Autodidakten bedeutet, der als Schulabbrecher keine reguläre Universitätsausbildung durchlaufen hatte. Immerhin bestätigte der Ex-Außenminister, dass es „ein Angebot einer anderen amerikanischen Universität“ gebe. Es stehe aber keine Entscheidung an. Präziser wurde Fischer im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Richtig ist, dass mir ein Angebot der Universität Princeton vorliegt“, sagte der ehemalige Chefdiplomat.

In Wörlitz attackierte der Vollblutpolitiker derweil die Journalisten wegen deren Interesse an seiner Person. Sie müssten sich fragen lassen, warum sie eine Falschmeldung über eine Privatperson beförderten, die nichts mit Politik zu tun habe: „Mit seriösem Journalismus hat das nichts mehr zu tun.“ Folgerichtig kündigte Fischer rechtliche Schritte an: „Ich werde mir das nicht mehr bieten lassen, das wird die Anwälte beschäftigen.“

Die letzten öffentlichen Auftritte des früheren Grünen-Stars liegen fast vier Monate zurück: In der Elefantenrunde am Abend der Bundestagswahl hielt Fischer sich merklich zurück, als Gerhard Schröder seinen Machtanspruch verkündete. Wenige Tage später stellte er dann vor der Grünen-Bundestagsfraktion klar, dass er kein herausgehobenes Amt mehr übernehmen wolle („Ich tausche Macht gegen Freiheit“). Später teilte er diese Entscheidung auch vor den Kameras mit.

Mit einem Argument wie aus dem Betriebsratsbaukasten begründete Fischer, warum er seit seiner Verzichtserklärung kaum mehr an Bundestags- und Fraktionssitzungen teilgenommen hatte: „Ich habe Anspruch darauf, nach sieben Jahren ein paar Überstunden abzubummeln.“ Auf die Frage, ob und wann er sein Bundestagsmandat niederlegen wolle, gab er keine klare Antwort. „Ich bin Abgeordneter“, sagte er lediglich.

An Fischers alter Wirkungsstätte, dem hessischen Landtag, hatte die Nachricht von der Gastprofessur in den USA bei den einstmaligen politischen Gegnern ein paar hämische Reaktionen ausgelöst. Es sei zu fragen, wie es der frühere Straßenkämpfer wohl mit dem Einreisefragebogen in die USA hält. Da muss man nämlich angeben, ob man einer kommunistischen Organisation angehört hat.

Für Fischer würde vermutlich der Frankfurter Omid Nouripour ins Berliner Parlament nachrücken. Der 29-Jährige hat, anders als Fischer, ein Studium abgeschlossen. Doch auch er verfügt über breite berufliche Erfahrung. So hat er als Hotelaushilfe, als Zeitungsausträger, Bücherverkäufer, Küchenhilfe, Kellner und Museumswächter gejobbt, allerdings nicht als Taxifahrer.

Nouripour drängelt nicht, die Nachfolge anzutreten. „Wenn einer sich sein Mandat verdient hat, dann Joschka bei seiner Wahlkampftour“, sagte Nouripour dem Tagesspiegel. Als Professor werde Fischer jedenfalls eine gute Figur machen, meinen die hessischen Nachwuchsgrünen. Landtagsfraktionschef Tarek Al Wazir sagte: „Was allerdings an der Universität dazugehört, ist diskutieren, ob der Professor Recht hat. Das hat der Joschka schon in der Partei nicht gemocht; da muss er sich ändern.“

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