Mein Sommer in BERLIN : Der Verlust der Unschuld

Jetzt weiß ich, wovon ich rede: Die Currywurst ist, mit Verlaub, ein ganz gewöhnlicher Sattmacher, schnell und anspruchslos.

von
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Ganz sicher ist mir meine erste Currywurst nicht von allein in den Mund gefallen. Seit 25 Jahren lebe ich nun in Berlin, doch die Premiere fand erst am vorigen Wochenende statt.
Natürlich hatte ich schon oft davon gehört: eine Wurst unter einer Decke scharfer Tomatensauce. Natürlich habe ich die Berliner jubeln hören: Ah, eene Currywurst, lecker, lecker, lecker! Natürlich ist mir schon vor langer Zeit klar geworden, dass die Currywurst für die Berliner Identität ebenso unverzichtbar ist wie die Berliner Weiße und die Pommes rot-weiß.
Warum also habe ich so lange auf diesen ersten Bissen gewartet, obwohl ich mich sonst doch nach Leibeskräften bemühe, diese Stadt zu dechiffrieren, ihr Wesen zu erfassen? Zunächst – und darauf bin ich wirklich nicht stolz – ist es eine Frage des kulinarischen Snobismus. Als Französin kann ich nur schwer nachvollziehen, was die Berliner an dieser unter einer Schicht bräunlicher Flüssigkeit begrabenen schlappen grauen Wurst finden. Und dann steht man auch noch an der Theke einer Imbissbude und isst sie hastig von einem kleinen Pappteller, bevor man sich wieder auf den Weg macht. Nach den Kriterien, die ich mit der Muttermilch eingesaugt habe, hat das mit Genuss nichts zu tun, denn der Genuss nimmt sich Zeit, er feiert sich selbst. Die Currywurst ist, mit Verlaub, ein ganz gewöhnlicher Sattmacher, schnell und anspruchslos. Meine Arroganz gewinnt die Oberhand: Ganz bestimmt werde ich die Finger von diesem abstoßenden Ding lassen, das nichts, aber auch gar nichts mit der Haute Cuisine zu tun hat, und, wenn Sie es mir nicht übel nehmen, nicht einmal unerschrockene Gourmets reizt.

Beim Irren durch Berlin habe ich sogar paranoide Fantasien entwickelt

Auf jeden Fall habe ich nicht gerade den leichtesten Weg gewählt, um mich endlich diesem Initiationsritus zu unterziehen. Statt sie einfach an der Imbissbude an der Straßenecke zu bestellen, bin ich zum Ende der Welt aufgebrochen … oder wenigstens zum Ende Berlins – nach Gatow. Ein Freund aus Israel und ich waren zum Geburtstag eingeladen. Mit von der Partie war mein Navi. Normalerweise ein zuverlässiges kleines Gerät. An dem Abend jedoch – keine Ahnung, was da los war. Beim Irren durch Berlin habe ich sogar paranoide Fantasien entwickelt – mein Navi wollte nicht, dass ich von der Currywurst nasche, der verbotenen Frucht, die man mir nach der Ankunft im sicheren Hafen servieren würde. Im unüberschaubaren Berliner Umland fuhren wir im Kreis, ohne den richtigen Weg zu finden. Glücklicherweise hatte mein Fahrgast Humor und sah mit stoischer Ruhe die positive Seite dieser absurden Situation: „Eine Chance, sich in Ruhe zu unterhalten, bevor man im Small Talk versinkt und von den anderen Gästen vereinnahmt wird.“ Nach einer Stunde gab das Navi endgültig den Geist auf. Nord und Süd waren ihm böhmische Dörfer. Triumphierend zog mein Passagier ein Handy aus der Tasche. Es stammte aus den USA und verzerrte die Berliner Straßennamen mit seiner knatschigen Stimme dermaßen, dass wir schließlich vor einer Pferdeherde mitten in der Prärie standen. Nun spielte mein Begleiter seinen letzten Joker aus, ein zweites Handy. „Die Israelis werden unser Problem lösen!“, erklärte er in entschlossenem Ton. Wir mochten uns nicht mehr unterhalten und wir hatten Hunger. Es folgte eine surrealistische Tour durch Gatow, seine Einfamilienhäuser, seine Lagerhallen, seine Felder, seine Supermärkte … geleitet von einer Stimme auf Iwrit. Genau um halb zehn waren wir am Ziel. Und nach diesem langen Exkurs kommt die Currywurst wieder ins Spiel. Um Mitternacht wurden Pappteller mit Currywurst serviert.


Ich muss zugeben, dass ich keine ganze gegessen habe. Nach einer Portion Rote Grütze, zwei Schälchen Mousse au chocolat und mehreren Rock ’n’ Rolls fand ich die Currywurst zu aggressiv für den Magen. Aber ich wagte eine Scheibe, in Currysauce getunkt. Sie glitt weich über meine Zunge und bot den Zähnen kaum Widerstand. Die Runde, der ich von meiner Jungfräulichkeit in dieser Hinsicht erzählt hatte, starrte mich erwartungsvoll an. „Und? Schmeckt gut, was?“ Ich brachte es nicht übers Herz, sie zu enttäuschen.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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