Politik : „Mein Vater wurde ermordet“

Milosevics Sohn übernimmt den Leichnam in Den Haag / Ort der Beisetzung noch unklar

Caroline Fetscher

Berlin - Unterschrieben hat sogar der kroatische General Ante Gotovina. 34 der wegen Kriegsverbrechen in Den Haag angeklagten Mithäftlinge des am Samstag verstorbenen Ex-Präsidenten Jugoslawiens Slobodan Milosevic erweisen ihm jetzt die letzte Ehre. Gemeinsam gaben sie eine Todesanzeige mit dem Text: „Letzter Gruß von den Haager Mitkämpfern“ auf. Zu den Unterzeichnern der Anzeige, die in Belgrads traditionsreicher Tageszeitung „Politika“ erscheint, gehören zahlreiche prominente Insassen der Haager Haftanstalt des UN-Tribunals für Jugoslawien. Unter ihnen sind Vojislav Seselj, berüchtigter Hetzredner und Befürworter „ethnischer Säuberungen“ sowie Vinko Pandurevic, Ex-Kommandeur der „Zvornik-Brigade“ in Srebrenica, und dessen Mitangeklagter Ljubisa Beara.

Ungewiss bleibt weiter, ob die Beerdigung des Diktators in Belgrad oder in Moskau stattfindet, wo seine Ehefrau Mira Markovic, sein Sohn Marko und sein Bruder leben. Markovic wird in Serbien-Montenegro unter anderem wegen Beihilfe zum Mord an Ex-Präsident Ivan Stambolic gesucht. Der Sohn war am Dienstag in den Niederlanden, um den Leichnam des obduzierten Vaters abzuholen. In Den Haag erklärte Marko Milosevic vor der Presse: „Mein Vater wurde ermordet.“ Belgrad, fügte er hinzu, dränge auf Moskau als letzte Ruhestätte. Die Familie scheint in dieser Frage gespalten zu sein. Sollte die Beisetzung in Belgrad stattfinden, worauf alles hindeutet, schließt Premierminister Boris Tadic ein Staatsbegräbnis ebenso aus wie einen Grabplatz auf dem Ehrenfriedhof. Unterdessen droht die Sozialistische Partei Serbiens (SPS), Hochburg der Milosevic-Anhänger, das Koalitionsbündnis mit der Regierung platzen zu lassen, sollten diese beiden Forderungen nicht erfüllt werden. Serbiens Regierung setzte den Haftbefehl für Markovic außer Kraft und gestattet damit der Witwe die Teilnahme an der Beisetzung. Die Anklage gegen sie werde jedoch nicht fallen gelassen, so die Staatsanwaltschaft. Bei der Einreise würde sie ihren Pass abgeben müssen.

Wie stark die Anhängerschaft Milosevics noch ist, werde die Größe der Menge zeigen, die zum Begräbnis erscheint, meinen Diplomaten. Sie sehen den Tag als Lackmustest für Serbiens politische Reife. Skeptisch gegenüber den Autopsieberichten zeigt sich die russische Öffentlichkeit. Laut der Belgrader Agentur B92 plant Moskaus Duma einen Parlamentsbeschluss zur Schließung des Tribunals. Duma-Sprecher Boris Gryschkow habe erklärt, es gebe keinen Grund mehr, das Fortexistieren des Tribunals zu unterstützen. Ohnehin glaube eine Mehrheit der Duma-Abgeordneten, das Tribunal sei für Milosevics Tod verantwortlich.

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