Politik : "Meine Dresdner Jahre": "Bergatschows" späte Rückkehr

Matthias Meisner

Der Name hatte vor der Wende in der DDR einen besonderen Klang: Wolfgang Berghofer. "Bergatschow", diesen Spitznamen verpassten die Dresdner damals ihrem Oberbürgermeister. Diese Anerkennung, die ihn zum kleinen Bruder des großen Hoffnungsträgers Michail Gorbatschow anhebt, scheint ihn noch heute zu rühren.

In "Meine Dresdner Jahre" blickt der ehemalige SED-Politiker jetzt zurück auf die Zeit damals - und es wird vor allem klar, wie sehr er dem Rampenlicht nachtrauert, in dem er in den Jahren 1989 und 1990 stand. "Visionen an der Elbe", wie ein Kapitel seines Buches überschrieben ist, die hat Berghofer noch immer. Natürlich ist das nicht ohne Widersprüche: Ein Mann, der jahrelang bei der Stasi als Mitarbeiter verpflichtet war, der selbst die Fälschung der Kommunalwahlen 1989 in der DDR mit organisiert hat, begründet, warum die Chance für Dresden in seiner eigenen Kandidatur für das Amt des Oberbürgermeisters liegt. In der Mangelgesellschaft vermochte es Berghofer, geschickt zu jonglieren. Doch ist der inzwischen entschieden parteilose Politiker damit auch der richtige Mann, um eine Kommune heute zu führen?

Klar wird das in dem Buch nicht. Aber im ausführlichen Rückblick auf seine Oberbürgermeister-Zeit von 1986 bis 1990 gibt der Autor zumindest einen ausführlichen Einblick in das, was 1990 beinahe möglich gewesen wäre. Er schildert etwa, wie er mit Hamburgs damaligem Bürgermeister Henning Voscherau beriet, wie die Zukunft der SED aussehen könnte: entweder Auflösung der Partei oder Reorganisation in KPD und SPD. Geschichte also, die so nicht stattfand. Und er räumt auf mit der Legende, in Dresden hätten sich mit Berghofer und dem damaligen SED-Bezirkschef Hans Modrow zwei Hoffnungsträger verschworen: "Das ist falsch", sagt er mit einem kritischen Seitenblick auf Modrow im Rückblick.

Für SPD und PDS ist der Name Berghofer mit unerfüllten Hoffnungen verbunden. Beide Parteien haben lange gehofft, er werde wieder als Oberbürgermeister kandidieren. Berghofer hat sich dazu erst im zweiten Wahlgang entschlossen. Man könnte auch sagen, er ist zu spät gekommen. Hätte ihn Gorbatschow nicht warnen können?

Wolfgang Berghofer, Meine Dresdner Jahre, Verlag Das Neue Berlin, 271 Seiten, 34 Mark

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar