Politik : Meinungs(un)freiheit: Sieben Jahre Haft für "Spionage" - Belgrad bekämpft Journalisten

Stephan Israel

Er hat sich nie einschüchtern lassen. Regungslos hört der serbische Journalist Miroslav Filipovic den Urteilsspruch. Das Strafmaß, sagt der Richter generös, sei am unteren Limit. Dann verabschiedet sich der Verurteilte von seiner Frau.

Ein Militärgericht in der südserbischen Stadt Nis hat Filipovic am Mittwochnachmittag wegen "Spionage" und "Verbreitung falscher Informationen" für sieben Jahren ins Gefängnis geschickt. Der Prozess war nach zwei Monaten Untersuchungshaft an einem Tag und größtenteils hinter verschlossenen Türen abgehandelt worden. Als ob es etwas zu verbergen gäbe: Die Artikel des Journalisten waren jedermann zugänglich. Für den Vorwurf der "Spionage" genügte die Tatsache, dass Filipovic in erster Linie für "ausländische" Auftraggeber geschrieben hat: Er war für das renommierte Londoner "Institute for War and Peace Reporting" (IWPR) und die französische Nachrichtenagentur "AFP" tätig, aber auch für die unabhängige Belgrader Tageszeitung "Danas".

Der 49-Jährige ist der erste Journalist, dem in Serbien wegen "Spionage" der Prozess gemacht wurde. Offenbar wollte das Belgrader Regime ein Exempel statuieren. "Jetzt fragt sich jeder, wer der Nächste ist", sagt ein besorgter Berufskollege. Allerdings ist Filipovic eine herausragende Figur. In einem neuen, demokratischen Serbien wird man ihn als "Helden" und ersten echten Dissidenten feiern. Und es ist kein Zufall, dass er nicht in Belgrad, sondern in der südserbischen Stadt Kraljevo lebt und arbeitet. In der Hauptstadt hat Slobodan Milosevic fast alle Jornalisten korrumpiert.

Miroslav Filipovic hat das getan, was bisher kaum ein Belgrader Oppositionspolitiker geschafft hat. In seinen Artikeln hat er die Realität beschrieben. Unbeeindruckt von Drohungen hat er seine Arbeit fortgesetzt. Doch in der Welt der Propaganda hat die Wahrheit keinen Platz. Die Anklage warf Filipovic vor, über Grausamkeiten der Jugoslawischen Bundesarmee im Kosovo während der Nato-Luftangriffe geschrieben zu haben. Vor allem die Berichte für das Londoner IWPR sorgten international für Aufsehen. Die wenigsten konnten in Serbien selbst veröffentlicht werden, alle sind jedoch übers Internet ( www.iwpr.net ) abrufbar.

Darin schildert ein Armeeoffizier gegenüber dem Journalisten, wie ein Soldat einen dreijährigen Jungen vor dessen Familie enthauptete. Ein anderer erzählt, wie eine Panzereinheit ein Dorf willkürlich beschoss, bevor serbische Paramilitärs einrückten und die Überlebenden massakrierten. "Ich beobachtete mit meinen eigenen Augen, wie ein Reservist 30 albanische Frauen und Kinder entlang einer Wand aufstellte. Ich dachte, er wolle ihnen nur Angst machen. Dann hat er sich jedoch hinter eine Luftabwehrkanone gebückt und abgedrückt", sagt ein weiterer Offizier. Einige der Interviewten erklären, sie seien traumatisiert aus dem Kosovo zurückgekehrt. Die Militärs zeigen sich schockiert und gleichzeitig beschämt über das Ausmaß der Verbrechen, begangen von serbischen Einheiten an Kosovo-Albanern während der Nato-Luftangriffe. Miroslav Filipovic konnte beweisen, dass selbst innerhalb der Armee nicht alle mit der Kriegspolitik des Belgrader Regimes einverstanden sind.

Tausende Männer sind während der letzten zehn Jahre in vier Kriege gezogen und wieder nach Serbien zurückgekehrt. Einige waren als Freiwillige aufgebrochen, andere rekrutiert worden. Viele kamen mit dem geraubten Besitz ihrer Opfer nach Hause. Es wird unzählige Mutige wie Miroslav Filipovic brauchen, damit Serbien nach dem Ende der Milosevic-Ära wieder gesunden und auf die eigenen Füße kommen kann.

Das Urteil gegen Filipovic hat international Protest ausgelöst: Philip Reeker, Sprecher des US-Außenministeriums, sieht das Verdikt im Einklang mit "der typischen Haltung des Milosevic-Regimes" gegenüber unabhängigen Medien. Die Europäische Union verurteilt "mit Entschiedenheit" die Inhaftierung. Der Verurteilte sei für "normale journalistische Arbeit" verhaftet worden, kritisiert die Menschenrechtsorganisation "Amnesty International". Filipovic, Vater von zwei Kindern, hat jetzt nur noch eine schwache Chance: Das Regime könnte im Berufungsverfahren die Vorwürfe fallen lassen.

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