Politik : Meister der Magie

ARMIN LEHMANN

Jeden Tag berichten wir über den Krieg.Doch nicht jeden Tag wissen wir, ob das, was wir berichten, auch der Wahrheit entspricht.In Belgrad herrscht Zensur, und von der NATO fühlt sich selbst der deutsche Verteidigungsminister nicht immer ausreichend informiert.In der Tagesspiegel-Redaktion gibt es fast täglich heftige Diskussionen darüber, welcher Text und welches Bild noch zu verantworten sind.Diese Rubrik gibt Einblicke in Widersprüche und Zweifel von Journalisten in den Zeiten des Krieges.

In Zeiten des Krieges haben allerlei Leute etwas zu sagen.Experten führen Debatten über den Sinn und Unsinn von Bodentruppen, Politiker geben Interviews, Leser schreiben uns ihre Meinungen.Nicht alles, was gesagt oder geschrieben wird, drucken wir ab.Dennoch werden die verschiedenen Ansichten registriert, aufgenommen, diskutiert.Die Papierberge von Faxen und Mitteilungen, klugen oder weniger klugen Ratschlägen wachsen täglich.Und manchmal kommen dabei Dinge zum Vorschein, die uns veranlassen, laut aufzuschreien, manchmal auch nur sprachlos zu verharren.Zum Beispiel, wenn ein "großer Meister der Magie" eine Pressemitteilung verschickt, in der er suggeriert, er wolle die "Lösung zur schnellen Beendigung des Kosovo-Krieges" mitteilen.Es ging nicht darum, den Serben-Chef womöglich zu verhexen oder ihn gar wegzuzaubern.Nein, auf den zahlreichen Seiten des Pressetextes wurde das Thema sogar ernsthaft behandelt.Aber die Intention der ganzen Mappe war eine ganz andere.Sie war ein besonders perfider Versuch von Öffentlichkeitsarbeit - besonders geschickt meinte da jemand auf die neue Tournee des Künstlers aufmerksam machen zu können.Der Krieg wird hier nur als ein Mittel eingesetzt, um auf sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.Das ärgert einen.Maßlos.Der Herr Magier ist sogar recht bekannt und ein gefeierter Meister seines Fachs.Die Mitteilung samt Tourkalender wanderte in den Papierkorb - mit lautem Aufschrei.

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