Politik : Meisterdenker des Dogmas

Von Martin Gehlen

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Die Entscheidung fiel schnell – mutig ist sie nicht. Die Wahl von Joseph Ratzinger zum neuen Papst zeigt nach rückwärts, verweigert eine Antwort auf die Zeichen der Zeit und kann angesichts seines Alters bestenfalls als eine taktische Lösung gelten. Die Kardinäle gaben ihr Votum für einen Mann, der bei seiner Predigt unmittelbar vor dem Einzug ins Konklave seine pessimistische Weltsicht noch einmal in ganzer Schärfe ausgebreitet hat. Er begreift die Zeit, in der er lebt, als eine „Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als das letzte Maß aller Dinge nur das eigene Ich und dessen Gelüste versteht“. Was aber hat dies mit den Herausforderungen zu tun, vor der die Welt heute steht? Wie will die katholische Kirche mit diesem Mann an der Spitze darauf antworten?

Die 115 Kardinäle wagten es nicht, nach dem Pontifikat von Karol Wojtyla dem innereuropäischen endlich auch den globalen Perspektivenwechsel folgen zu lassen. Beim letzten Konklave vor 26 Jahren, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, brachte der Mann aus Polen das Verlangen des Ostens nach Freiheit, Menschenrechten und offenen Gesellschaften ins Bewusstsein der Welt. Er kam aus dem Inneren des kommunistischen Blocks, und seine Wahl versetzte die Welt in Staunen.

Seither aber hat sich die politische Weltbühne drastisch verändert. Der Kalte Krieg ist überwunden, stattdessen wird der Erdkreis geprägt von Globalisierung und Nord-Süd-Gefälle, von dramatischer Armut in Afrika und Teilen Lateinamerikas, von einem Dasein in absoluter Chancenlosigkeit für immer mehr Menschen sowie von dem Erstarken des Islam. 65 Prozent aller Katholiken leben heute in Afrika, Asien und Lateinamerika - die meisten von ihnen sind keine Weißen, und sie sind arm. Die Ausbeutung des Planeten von einer Minderheit, die ungerechte Welthandelsordnung, die beiden westlich-christlichen Wohlfahrtsfestungen von Europa und Nordamerika und die Notwendigkeit für mehr Verständigung zwischen den Religionen – darauf gibt diese Wahl keine Antwort.

Natürlich, mag man einwenden, versteht sich das Oberhaupt der katholischen Kirche nicht in erster Linie als weltpolitische Stimme, sondern als religiöse Leitgestalt. Aber auch hier bedeutet das Ergebnis für viele Katholiken kein Signal der Ermutigung, sondern weiterer Enttäuschung. Mit ihrem Votum haben die Kardinäle den Wunsch vieler Bischöfe, Priester und Gläubiger nach einer Kirche ignoriert, die vielstimmiger und pluraler als bisher lebt, die neue Türen öffnet und wieder mehr Menschen einbezieht. Joseph Ratzinger war der Meisterdenker des harten Zentralismus und Dogmatismus seines Vorgängers Johannes Paul II. Und unter seiner Regie wird die römische Kurientheologie ihre hoch gezüchteten Prinzipienproduktion der letzten Jahre weiter ausbauen. Der Neue wird – so steht zu befürchten – die theologischen Schrauben noch strammer anziehen und seine Herde mit Instruktionen, Mahnschreiben und Enzykliken auf seine misstrauisch-konservative Linie einschwören.

Joseph Ratzinger ist ein Mann des alten Systems – zwar von überragenden Fähigkeiten und scharfem Geist, aber ohne Charisma und unbefangene Lebensfreude. Es wird ihm deshalb schwer fallen, aus dem Schatten seines Vorgängers Johannes Paul II. herauszutreten. Das weiß er selbst. Er steht für ein blutleeres Weiter-so, nicht für einen frischen Start oder gar ein neues katholisches Koordinatensystem. Ratzinger ist zwar Deutscher, doch schon längst vom Kuriensystem absorbiert. Am liebsten steht er am Katheder. Mit der Seelsorge jedoch hat er sich immer schwer getan.

Ein echter Ausländer also, der von der Pastoralarbeit in seiner Heimat auf den Papstthron gewählt wird, bleibt die Ausnahme – wie 1978 der Mann aus Krakau, und 1521 der glücklose Hadrian VI. aus Utrecht. Stattdessen sitzt nun ein 78-jähriger Nachlassverwalter und lebenslanger Vatikaninsider auf dem Stuhle Petri. Dabei müsste in einer Zeit, wo die wählenden Purpurträger inzwischen in 52 Ländern zuhause sind, der Bischofssitz von Rom eigentlich ein globales Profil annehmen.

Die Wahl von Joseph Ratzinger trägt der Realität keine Rechnung.

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