Politik : Melting Pot: In allen Farben der Welt

Malte Lehming

Holden Caulfield ist ein weißer Junge, den die meisten Amerikaner kennen. Denn Holden ist der sensible, jugendliche Hauptdarsteller in dem Roman "Der Fänger im Roggen" ("The Catcher in the Rye"). Das Buch, vor fünfzig Jahren von J. D. Salinger geschrieben, ist ein Klassiker. Generationen von Teenagern haben es gelesen, ja verschlungen, auch in Europa. In den meisten amerikanischen Schulen gehörte es bislang zum festen Lese-Pensum. Doch das ändert sich gerade.

"Unsere Schüler kommen aus Somalia, El Salvador, Ägypten und aus Dutzenden von anderen Ländern", sagt eine Lehrerin, die in Washington D.C. unterrichtet. "Mit einem Typus wie Holden - etwas nervös, schüchtern, leicht angespannt, hyperempfindlich - können diese Kinder kaum etwas anfangen. Holdens Probleme sind die eines verwöhnten, weißen Knaben. Das hat mit unserer Wirklichkeit nichts zu tun." Immer mehr Schulen nehmen aus solchen Gründen den "Fänger" aus dem Lehrplan und ersetzen ihn durch Bücher von Toni Morrison und Gabriel Garcia Marquez. Ganz geräuschlos geht das allerdings nicht. Viele Schüler, selbst wenn ihre Familien aus Asien oder Mexiko eingewandert sind, lieben ihren Holden. "Ich mag ihn, weil er unsicher ist und durch emotionale Höhen und Tiefen geht - genau wie ich es tue", sagt ein Mädchen aus Vietnam. "Dass er nicht aus Asien stammt, hat für mich nie eine Rolle gespielt."

Aktuelle Auseinandersetzungen wie die um das Salinger-Buch dürften künftig noch zunehmen. Denn die Bevölkerung der USA wird ethnisch immer vielfältiger. Der Anteil der Weißen nimmt ab, die Zahl der Minderheiten wächst. Sieben Millionen Amerikaner haben in der jüngsten Volkszählung angegeben, dass sie sich zu mehr als einer Rasse zugehörig fühlen. Die neuen Daten aus dem "Census 2000" wurden am Anfang der Woche veröffentlicht. Die Volkszählung findet alle zehn Jahre statt. Demzufolge gehörte im Jahr 2000 bereits jeder dritte Amerikaner zu einer Minderheit, vor zehn Jahren war es jeder vierte, vor zwanzig Jahren jeder fünfte. Als Minderheit wird definiert, wer kein nicht-hispanischer Weißer ist. Das klingt so kompliziert, weil die Hispanics, oder Latinos, deren Zahl im vergangenen Jahrzehnt um 58 Prozent auf 35,3 Millionen gestiegen ist, sich selbst zwar als eine Ethnie verstehen, sich aber nicht eindeutig einer Rasse zuordnen. In den sechs Kategorien, die zur Auswahl standen - schwarz, weiß, amerikanischer Indianer oder Eingeborener Alaskas, Asiat, Eingeborener Hawaiis oder anderer pazifischer Inseln, andere Rasse -, fanden sich viele Latinos nicht wieder und kreuzten daher "andere Rasse" an. Dasselbe Problem hatten arabischstämmige Amerikaner.

Auch andere Daten stützen den Befund, dass die Schwarz-Weiß-Kategorie zur Beschreibung der amerikanischen Bevölkerungsstruktur überholt ist. Die Zahl der Mischehen hat sich in zehn Jahren vervierfacht. Durch Einwanderung und Kinderreichtum haben die Latinos mit den nicht-hispanischen Schwarzen gleichgezogen. Es war kein Zufall, dass George W. Bush seine erste Auslandsreise als Präsident ausgerechnet nach Mexiko antrat. Beide Gruppen, Latinos und Schwarze, stellen jetzt etwa jeweils 12,5 Prozent der Gesamtbevölkerung von insgesamt 281 421 906 Amerikanern. Die Zahl der Asiaten stieg um fast 75 Prozent auf 11,5 Millionen, das sind vier Prozent der Gesamtbevölkerung. Nach wie vor bilden allerdings die nicht-hispanischen Weißen mit 198,2 Millionen den weitaus größten Anteil der Amerikaner. Ihr Wachstum ist jedoch mit 5,3 Prozent relativ niedrig.

Die Ergebnisse der Volkszählung dienen als Grundlage für die Verteilung von Bundesmitteln in Höhe von jährlich 185 Milliarden Dollar an die 50 Bundesstaaten. Aber auch an Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten werden die Daten ausgewertet. Dort stellt sich dann unter anderem die Frage, wie lange die Sichtweise von weißen Männern noch das Curriculum beherrschen soll.

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