Mensch und Maschine : Mehr Zeit für Sex und Rock ’n’ Roll

Bald werden uns die Maschinen nicht mehr brauchen – außer als Datenproduzenten und Konsumenten. Keine schlechte Aussicht, findet unser Autor.

Andre Wilkens
Sie übernehmen körperliche, aber auch zunehmend geistige Tätigkeiten: Roboter, Computer und Maschinen, hier an einer Produktionsstrecke in Augsburg.
Sie übernehmen körperliche, aber auch zunehmend geistige Tätigkeiten: Roboter, Computer und Maschinen, hier an einer...Foto: dpa

Wie viel Mensch braucht Digital? 2008 hat der Technologe Ray Kurzweil geschätzt, dass die Rechenkapazität des menschlichen Gehirns ungefähr bei 20 Quadrillionen Rechnungen per Sekunde liegt. Ich bin beeindruckt von uns Menschen und kann mir gar nicht vorstellen, dass dies auch auf mich zutreffen soll. Egal, Kurzweil glaubt, dass wir nur einen Computer entwickeln müssen, der genauso schnell rechnen kann und ihm eine ordentliche Software dazugeben, und schon könnten wir das menschliche Gehirn simulieren. Im Juni 2014 hat ein chinesischer Supercomputer (ja, die schnellsten Computer kommen jetzt aus China) 34 Quadrillionen Rechnungen per Sekunde geschafft, also fast doppelt so viel wie ein menschliches Gehirn. Sind Computer nun schon besser und schneller als Menschen, und das nicht nur im Rechnen, sondern auch im Denken?

Wer es noch nicht getan hat, sollte sich einmal den Film „Her“ von Spike Jonze angucken, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie die Verknüpfung von Daten gekoppelt mit gigantischer Rechenleistung aussehen könnte. In dem Film probiert der männliche Hauptdarsteller eine neue Software aus, die Zugriff auf alle seine Daten wie E-Mails, Kalender, Kontakte, Suchanfragen, Dokumente hat, und diesen Mann durch deren Verknüpfung fast besser kennt als er sich selbst. Die Software spricht mit der Stimme von Scarlett Johansson und so ist es kein Wunder, dass sie die eigentliche Hauptrolle spielt und der männliche Hauptdarsteller sich in die Stimme und die Datenpower dahinter verliebt. Klingt verrückt, aber nur auf den ersten Blick.

Hitchbot ist in Berlin angekommen
Ein echter Tramp: Hitchbot, der Roboter, ist in Berlin angekommen. Und wie jeder echte Tramper lernt jetzt auch er das Gefühl kennen, übermüdet, durchfroren und orientierungslos durch eine fremde Stadt zu schlurfen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Jens Kalaene/dpa
17.02.2015 12:26Ein echter Tramp: Hitchbot, der Roboter, ist in Berlin angekommen. Und wie jeder echte Tramper lernt jetzt auch er das Gefühl...

Wir alle werden inzwischen von elektronischen Assistenten betreut

Auf den zweiten Blick sieht man, dass wir ja jetzt schon dauernd von digitalen Assistenten betreut werden. Man wird rechtzeitig an Geburtstage und Hochzeitstage erinnert, Termine werden eingetragen und es wird sichergestellt, dass man rechtzeitig hinkommt, das Wetter wird angezeigt, damit man sich richtig kleidet, auch wenn man verreist. Das wird immer besser, und ich find’ das eigentlich gut. Ich muss erinnert werden, ich find’ es gut, wenn jemand meine Reiseplanung übernimmt und im Falle eines Bahnstreiks schnell für mich ein Auto mietet oder das Hotelzimmer verlängert. Jeder kann sich einen persönlichen Assistenten oder eine Assistentin leisten, ohne eine Riesenfirma führen zu müssen. Man muss keine Personalgespräche führen, Überstunden genehmigen und Urlaubsvertretung organisieren. Der digitale Assistent vergisst nichts. Und man kann Berufliches und Privates vermischen, ohne sich schlecht dabei zu fühlen. Man ist der Geschäftsführer seiner selbst mit einer Rundumassistenz. Wenn man will, kann man dies auch mit dem Gesundheitscoach verbinden, der dann auch noch sicherstellt, dass man zu Terminen läuft, damit man sein Laufpensum erfüllt. Wenn man im Stress ist, werden ein paar Yogaübungen empfohlen und ein Kaffeeverbot verhängt. Klingt alles klasse. Aber wer einen effizienten Assistenten hat, weiß auch, dass man viele Dinge nicht mehr selbst entscheidet. Auch wichtige. Sind Maschinen die besseren Menschen? Was Datenverarbeitung und Rechenleistung angeht, definitely.

Heißt das, dass wir uns selbst outsourcen? Trifft auf die Digitale Revolution zu, was auch auf die meisten analogen Revolutionen zutrifft, dass sie ihre Kinder frisst? Und sind die Kinder in diesem Fall nicht nur die verschiedensten Softwareentwickler und Internet-Gurus, sondern die Menschen selbst, die sich mit besser denkenden Maschinen die besseren Menschen schaffen werden?

Frei nach Keynes: Menschen werden in Zukunft nur noch als Konsumenten gebraucht

Für Holger Steltzner, einen der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, sieht die Zukunft etwa so aus: „Es wird eine kleine Gruppe von Menschen geben, die Computern sagen, was sie tun sollen. Und eine viel größere Gruppe von Menschen, denen Computer sagen, was sie zu tun haben. Auf einen guten Lohn wird nur die erste Gruppe hoffen dürfen.“ Vermutlich sieht er sich in der ersten Gruppe, unabhängig davon, ob es die „F.A.Z.“ auch in Zukunft noch gibt. Vielleicht ist er aber auch zu optimistisch, denn warum sollten Computer Befehle von Menschen entgegennehmen, die ihnen geistig unterlegen sind? Wenn diese „besser funktionierenden Menschen“ fast alles von uns übernehmen können, nicht nur mechanische, sondern auch intelligente, vielleicht sogar intellektuelle Aufgaben, können wir uns dann zurücklehnen, Tee trinken, gut essen, Fußball gucken und über Dialektik philosophieren?

Einer der wichtigsten Ökonomen der letzten 100 Jahre war John Maynard Keynes. Die Konjunkturtheorie, die ihn berühmt gemacht hat, besagt stark vereinfacht, dass der Staat in Krisenzeiten den Konsum stimulieren sollte, um Nachfrage zu generieren und dem durch die Krise hervorgerufenen Konjunktureinbruch entgegenzuwirken. Zur Not auch auf Pump.

Keynes war einer der klügsten Köpfe around. Seine Ideen haben maßgeblich zum Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen. Dass die Finanzkrise 2008 nicht noch viel schlimmer abgelaufen ist, hat auch mit Keynes’ Ideen zu tun. Also dieser kluge Kopf sagte 1930 in seinem Essay „Economic Possibilities for our Grandchildren“ („Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“) voraus, dass aufgrund des technischen Fortschritts, der immer höheren Produktivität und des steigenden Vermögens „das wirtschaftliche Problem innerhalb von hundert Jahren gelöst sein dürfte“. Die Menschen werden im Jahr 2030 von den „drückenden wirtschaftlichen Sorgen erlöst sein“, ihr größtes Problem werde es vielmehr sein, „wie die Freizeit auszufüllen ist“. Denn „Drei-Stunden-Schichten oder eine Fünfzehn-Stunden-Woche“ seien völlig ausreichend, um die Lebensbedürfnisse zu befriedigen.

Klingt toll, oder? Er hat sich hier wohl mächtig geirrt. Zwar sind es noch ein paar Jahre bis 2030, aber 85 Jahre später arbeiten wir mindestens 40 Stunden in der Woche, das Rentenalter wurde auf 67 Jahre hochgesetzt. Bei Kopfarbeitern ist die Wochenarbeitszeit sogar eher gestiegen. Die Arbeitszeiten der sozialen Schichten haben sich vertauscht. Während Industriearbeiter meist eine tariflich geregelte 40-Stunden-Woche haben, kommen Geistesarbeiter schnell auf 60-Stunden-Wochen. Digital bringt nicht mehr Freizeit, sondern Zeitnot. Anscheinend führt mehr Technik, höhere Produktivität und größeres Vermögen nicht zu weniger Arbeit, sondern zu mehr. Warum?

Dass das Übermitteln von Nachrichten durch E-Mail und Social Media viel einfacher und schneller geworden ist, hat nicht dazu geführt, dass wir nun mehr Zeit für andere Dinge haben. Wir übermitteln einfach mehr Nachrichten, die es vorher gar nicht gab, und die es vorher scheinbar auch gar nicht brauchte.

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