Politik : Menschen, die spurlos verschwinden

Von Harald Martenstein

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Viele regen sich auf über den Fall der neunjährigen, schwerstbehinderten Amerikanerin Ashley. Das Mädchen, geistig ein Baby, soll nach dem Willen seiner Eltern für immer Kind bleiben, weil es sich auf diese Weise einfacher pflegen lässt. Unter anderem wurden Ashley die Gebärmutter entfernt und die Brüste amputiert.

Ich möchte mich zu dem Fall Ashley nicht äußern. Ich erzähle eine andere Geschichte.

Eine bestimmte Sorte von Menschen steht im Begriff, ausgerottet zu werden. Oder ist dieses Wort falsch? Sie verschwinden. Ich spreche von den Leuten mit Downsyndrom, früher hieß es „mongoloid“. In meiner Kindheit sah man viele davon. Heute müsste es sogar mehr von ihnen geben, weil die Mütter älter sind. Junge Frauen gebären extrem selten solche Kinder, bei 40-Jährigen sind es ein Prozent, bei 48-Jährigen fast zehn Prozent. Die Downsyndrom- Kinder verschwinden, weil man sie mit der modernen pränatalen Diagnostik im Mutterleib aufspürt. In Deutschland entscheiden sich 95 Prozent der Eltern in einem solchen Fall für Abtreibung, fünf Prozent für eine Geburt.

Leute mit Downsyndrom sind mit der kleinen Ashley nicht zu vergleichen. Viele von ihnen lernen lesen, schreiben und rechnen, manche schaffen sogar einen Schulabschluss und haben Berufe. Es gibt Menschen mit Downsyndrom, die Unglaubliches geleistet haben. Die Japanerin Iwamoto hat englische Literatur studiert und arbeitet als Übersetzerin, der Spanier Pablo Pimeda ist Grundschullehrer und Behindertenpädagoge. Es ist auch offenbar kein Klischee, dass diese Behinderten, sozusagen als Ausgleich, über eine im Durchschnitt größere emotionale Intelligenz verfügen als andere. Obwohl es immer weniger von ihnen gibt, hat die Medizin in ihrem Fall große Fortschritte gemacht. Früher starben sie oft als Kinder oder Jugendliche, heute werden sie im Schnitt 60 Jahre alt. Die Frauen können ganz normale, unbehinderte Kinder gebären.

Ich weiß nicht, was ich tun würde. Die Statistik aber sagt: Die meisten von uns, Sie, ich, wir alle, würden sich gegen die Existenz eines Kindes entscheiden, dessen Lebensqualität und geistige Fähigkeiten Lichtjahre von denen Ashleys entfernt sind. Einerseits empören sich die meisten über Ashleys egoistische Eltern. Andererseits wäre fast niemand von uns bereit, freiwillig eine sehr viel geringere Last zu tragen als diese Eltern. Bei uns selber sind wir immer sehr gnädige Richter.

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